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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2019
Wahrheit
Auf der Suche nach einem Ideal
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Lebenslügen

Ich habe meine Freundin Jule total gern. Dass sie manchmal eine gewisse Stoffeligkeit an den Tag legt, ändert daran gar nichts. Im Gegenteil. Die stillschweigende Übereinkunft, die Macken der jeweils anderen nicht nur zu tolerieren, sondern als Teil des Gesamtpakets »Jule« und »Anne« anzunehmen: Das ist es doch, was Freundschaft ausmacht. Deshalb habe ich auch nichts gesagt, als Jule meinem Mann zum Geburtstag diese viel zu teure Flasche Cremant überreichte, die sie erst kürzlich zu ihrem eigenen Geburtstag bekommen hatte. Vor meinen Augen hatte sie die edle Verpackung geöffnet und der Arbeitskollegin überschwänglich gedankt.

Alkoholgeschenke sind Wanderpokale. Man bedankt sich artig: »Trocken und herb, das habt ihr wirklich perfekt ausgesucht!« Die Wahrheit ist manchmal unerheblich. Und so ein Verlegenheitsgeschenk im Schrank ist doch ungemein praktisch – für die nächste Einladung. Alles gut, alle zufrieden. Nur die Leute nicht, die sich das diesjährige Motto für die evangelische Fastenaktion »Sieben Wochen ohne« ausgedacht haben.

Sieben Wochen ohne zu lügen soll man zwischen Aschermittwoch und Ostern absolvieren. Ein Zehnkampf inklusive Hochsprung und Hammerwurf wäre vermutlich einfacher. Schokolade, Fleisch, Wein, Schimpfwörter: Im Vergleich zum Lügen lässt sich darauf leicht verzichten. »Ist doch Baby!«, würde mein Vierjähriger sagen. Doch ohne Flunkern würde auch er keinen Tag bewältigen. Wer da wohl heimlich am Nutellaglas war? »Ich weiß auch nicht …«

Wir Erwachsenen sind nicht besser. Wir lügen uns an und lassen uns anlügen, als gäbe es kein Morgen. »Ich habe Sie nicht vergessen!«, ruft uns der Kellner im Vorbeihuschen zu, als die Steaks doch ein bisschen arg auf