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kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2017
Angriff auf die freie Wahl
Wie Datenjäger die Demokratie gefährden
Der Inhalt:

»Die Sinnlosigkeit aushalten«

Warum die Vorstellung, das Leben sei in jedem Moment sinnvoll, eine falsche Anspruchshaltung ist

Publik-Forum: Herr Rüegger, in vielen Ländern wird über die Frage gestritten, ob man seinem Leben im hohen Alter ein Ende setzen darf, wenn es einem als sinnlos erscheint. Gegner einer Selbsttötung, vor allem Christen, sagen, dass das Leben niemals sinnlos sei. Wie ist Ihre Position?

Heinz Rüegger: Kurt Marti, der bekannte Pfarrer und Dichter, der kürzlich im Alter von 96 Jahren starb, bekannte einmal, dass sein Leben inzwischen zum »Leerlauf« geworden sei. Marti war verwitwet und lebte in einem Pflegeheim. Er wusste sein Leben zwar durchaus in Gottes Hand. Aber im Blick auf sein irdisches Leben sah er kein Ziel und keinen Sinn mehr. Er erfuhr keinen Inhalt mehr, der sein Leben lebenswert machen würde. Deshalb betete er, wie er sagte, jeden Abend darum, am anderen Morgen nicht mehr aufwachen zu müssen. Unabhängig von der Debatte um die Selbsttötung muss man redlicherweise sagen: Ja, es kann gerade im hohen Alter durchaus Situationen geben, die als sinnlos wahrgenommen werden. Das aber ist immer eine subjektive Einschätzung.

Ist es kein Widerspruch, sein Leben in einer bestimmten Situation als sinnlos zu empfinden, obwohl man es im Ganzen als von Gott getragen weiß?

Rüegger: Ich sehe ein Problem darin, wenn man die Sinnfrage vorschnell mit der Gottesfrage, ja überhaupt mit der religiösen Frage verknüpft. Denn das heißt ja im Umkehrschluss: Wer glaubt, muss sein Leben stets als sinnvoll annehmen. Eine solche Sicht der Dinge wird meiner Ansicht nach der Erfahrungswelt mancher Menschen, auch der von Glaubenden, nicht gerecht.

Welche Aufgabe stellt sich Menschen, die ihr Leben am Ende als sinnlos er