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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2014
Das Genmais-Komplott
Wie Konzerne eine Technologie durchsetzen, die keiner will
Der Inhalt:

Die Angst ist immer da

von Peter Brandhorst vom 28.03.2014
Manu B. ist vergewaltigt worden. Seitdem ist in ihrem Leben nichts mehr, wie es vorher war

Auch an diesem Tag beginnt ihre Fahrtvorbereitung im Bad vor dem Spiegel. Make-up auflegen, Augen betonen, lauter Dinge, die ihr früher nicht wichtig waren, als sie noch das andere Leben führte. Als es noch nicht diese Panik gab davor, ungeschminkt von den Menschen draußen als völlig nackt wahrgenommen werden zu können.

Zunächst also das gründliche Schminken des Gesichts, »meine Schutzmaske aufsetzen«, wie die Fünfzigjährige sagt. Die Angst ist ja immer da, man könnte ihr das damals Geschehene mit bloßem Auge ansehen. Dann erst betritt sie vorsichtig das Treppenhaus. Unten durch die Haustürscheiben der beobachtende Blick nach draußen auf die Straße, im Auto schnell die Zentralverriegelung drücken. Bevor sie losfahren kann, zittern die Hände manchmal, immer sind sie schweißnass. Neben ihr auf dem Beifahrersitz sitzt ihr Ehemann. Einen Führerschein hat er nicht; seine Aufgabe ist viel wichtiger: Ohne ihn würde sie sich nicht mehr trauen, die Wohnung zu verlassen. Auch auf dem Weg zur Arbeit und zurück nach Hause muss er sie im Auto begleiten.

Gut sechs Jahre sind inzwischen vergangen, seit das Leben von Manu B. von einem Tag auf den anderen in eine völlig andere Richtung gerissen wurde. »Nichts ist heute mehr so wie früher«, hatte sie am Telefon gesagt, »und fast alles ist heute noch so wie am ersten Tag.«

Im Januar 2008 wird Manu B. mit Verdacht auf Darmentzündung in ein Hamburger Krankenhaus eingeliefert. Als sie in ihrem Einzelzimmer an einen Tropf angeschlossen werden soll, gibt ihr ein Pfleger eine Spritze. Sie wird zunächst bewusstlos, später kommen ihr bruchstückhaft Erinnerungen, dass dieser Pfleger sie intim berührt und mit ihrer Hand sein Glied masturbiert hat.

Sie schämt sich und fühlt sich gedemütigt. Erst ihre beiden Töchter bringen sie dazu, Anzeige zu erstatten. Nach mehrjährigen Gerichtsverfahren wird der Pfleger 2012 schließlich zu einer Haftstrafe von vier Jahren und drei Monaten verurteilt: Ein Gutachten hatte Spermaspuren von ihm zweifelsfrei nachgewiesen. Doch bis heute gibt es kein Geständnis des Mannes, keine Erklärung. »Ich würde gerne wissen, was genau er alles mit mir gemacht hat«, sagt Manu B. »Und ich glaube nicht, dass ich sein erstes Opfer war.«

Für das Interview hat Manu B. ein Restaurant in der Nähe ihres Arbeitsplatzes vorgeschlagen. Die Fahrt dorthin ist wieder eine Strapaze gewesen,

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