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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2012
Gesellige Einzelgänger
Pilgern: Sich selbst auf der Spur – und vielleicht auch Gott
Der Inhalt:

Die Widersprüchliche

von Wolfgang Kessler vom 04.05.2012
Marlehn Thieme leitet künftig den Rat für Nachhaltigkeit – und ist als Direktorin der Deutschen Bank sehr umstritten

Für Marlehn Thieme ist ihre neue Berufung »Freude und Ehre« zugleich. Die 54-jährige Juristin wurde zur neuen Vorsitzenden des Rates für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung gewählt. Dies wäre nur eine Meldung unter vielen, gäbe es da nicht die widersprüchlichen Ausgangspositionen, die Marlehn Thieme vereinbaren muss: Sie streitet für eine nachhaltige Entwicklung, sitzt als Christin im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland und ist gleichzeitig Direktorin der Deutschen Bank.

Ganz Bankerin, pflegt Thieme einen vornehm-distanzierten Umgang. Beim Thema Nachhaltigkeit weicht die Distanz jedoch schnell der Entschlossenheit: »Wir müssen an den Problemen von heute ansetzen, die sich an Klima, Energie, Ressourcenerschöpfung und sozialer Ungerechtigkeit manifestieren«, sagt sie. Bereits vor der Katastrophe von Fukushima ist sie für den Ausstieg aus der Atomkraft eingetreten. Thieme weiß auch, dass der freie Markt nicht nachhaltig ist. »Ein Ordnungsrahmen muss alle Akteure zu einem Verhalten zwingen, das nicht die Lebensgrundlagen zerstört, die die folgenden Generationen benötigen.« Als Mutter zweier Töchter weiß sie, wovon sie spricht.

Doch Politik ist für die evangelische Christin nur eine Ebene des Handelns. Sie fragt sich gleichermaßen, was »wir Christen als Gesinnung in die Gesellschaft tragen, die auf Konsum und Grenzenlosigkeit angelegt ist«. Gelebter Glaube entscheidet sich für sie im praktischen Leben. Auch deshalb reagiert sie distanziert, wenn sie auf ihre Tätigkeit bei der Deutschen Bank angesprochen wird. Nicht selten gibt sie Interviews nur, wenn ihr Arbeitgeber kein Thema ist. Sie weiß wohl, wie umstritten diese Bank ist: eine möglichst hohe Eigenkapitalrendite ist ebenso wenig nachhaltig wie Spekulationen mit Nahrungsmitteln oder die Finanzierung von Streubomben, wenn auch über Tochtergesellschaften.

Doch Thieme hat dieser Bank viel zu verdanken. Schon kurz nachdem sie 1986 am Oberlandesgericht Hamburg ihr zweites juristisches Staatsexamen abgeschlossen hatte, trat sie eine Traineeausbildung bei der größten deutschen Bank an, der erste Schritt zum Aufstieg. Seit 2005 ist sie Direktorin für »Corporate Social Responsibility« der Bank – sie gestaltet das gesellschaftliche Engagement der Bank mit. Und sitzt für die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat, darauf le

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