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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2019
Und die Demokratie lebt doch!
Schülerstreiks, Bienen-Volksbegehren, Frauenrechte
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Weglaufen geht nicht«

von Viola Rüdele vom 08.03.2019
Lukas Pohland wurde als 12-Jähriger an seiner Schule Opfer von Cybermobbing – doch er hat sich erfolgreich dagegen gewehrt

Du bist so hässlich! Warum traust du dich überhaupt noch raus?« Nachrichten wie diese habe ich täglich auf mein Handy geschickt bekommen. Anonym. Das hat mich ganz schön traurig gemacht. Ständig habe ich mich gefragt: Warum macht das jemand mit mir?

Am schlimmsten war, dass die Nachrichten nicht nach der Schule aufgehört haben. Überallhin haben mich die bösen Worte begleitet: im Bus, beim Abendessen und bis in mein Kinderzimmer. Nirgends hatte ich meine Ruhe. Das hat morgens um sechs Uhr angefangen und die letzten Nachrichten kamen oft noch spät abends, gegen zehn oder elf. Ich konnte einfach nicht davor weglaufen.

Dabei wollte ich doch nur einer Mitschülerin helfen. Ich hatte gesehen, wie andere aus meiner Klasse sie gemobbt haben. Manchmal haben sie heimlich Fotos von ihr im Sportunterricht gemacht. Ein Mitschüler hat extra eine WhatsApp-Gruppe gegründet. Da wurden Sachen geschrieben wie: »Mit welchem Messer sollen wir sie abstechen?« Dabei wollte ich nicht länger zusehen. Ich habe meinen Mitschülern klargemacht, dass das so nicht weitergeht. Doch dadurch wurde ich zu ihrer neuen Zielscheibe. Leider hat es auch meiner Mitschülerin nicht wirklich geholfen. Sie hat dann die Schule gewechselt, weil sie es bei uns nicht mehr ausgehalten hat. Das kam für mich nicht infrage. Wegen so einem Schwachsinn wollte ich die Schule nicht wechseln.

Weil die meisten Nachrichten anonym an mich geschickt wurden, wusste ich nie, wer eigentlich dahintersteckt. Es war schon ziemlich merkwürdig, auf dem Schulhof die ganzen Leute zu sehen und zu wissen: Irgendjemand von denen ist der Täter. Und selbst wenn jemand nett gelächelt hat, war ich mir nicht sicher, ob er mir nicht doch am Abend wieder eine Nachricht wie »Wir zerstören deine Familie« schicken wird. Das hat das ganze Klima in der Klasse kaputt gemacht.

Online zu mobben ist viel einfacher, als jemandem direkt ins Gesicht zu sagen, was ich von ihm halte. Die meisten Mobber machen das nur aus Spaß. Sie denken, dass andere es verdient haben. Oder dass es cool ist. Heute, zwei Jahre nach den Vorfällen, denke ich: Wer sich nicht traut, mir persönlich seine Kritik in Gesicht zu sagen, hat für mich keine Bedeutung. Damals war ich dem Ganzen ausgeliefert. Es hat mich fertiggemacht.

Mehrere Monate ging das so – und niemand hat mir geholfen. Dabei habe ich Screenshots von den Nachrichten g

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