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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2018
Der Kampf um den Sand
Die Gier nach dem Rohstoff bedroht Mensch und Umwelt
Der Inhalt:

Kolumne Von Fabian Vogt: Vom Regen in die Taufe

vom 09.03.2018

Oft schauen mich Taufeltern während des Taufgesprächs ganz beseelt an und sagen aufgeregt: »Herr Pfarrer. Wir haben wochenlang im Internet recherchiert und sind schließlich auf einen wunderschönen Bibelvers gestoßen, den wir gerne als Taufspruch nehmen würden: ›Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten‹! Kennen Sie den?« Dann nicke ich freundlich, tue ein bisschen überrascht und trage zum zehnten Mal in diesem Jahr diesen Vers in ein Taufformular.

Neulich aber war es ganz anders. Da fragte die schick angezogene Mutter nämlich gleich zu Beginn: »Herr Pfarrer, muss der Taufspruch unbedingt aus der Bibel sein?« Ich lächelte und sagte: »Nun ja. Eigentlich schon.« Fügte dann aber mit seelsorgerlichem Charme hinzu: »Woran dachten Sie denn?«

Die Frau schaute auf ihr Kind: »Nun, wir wollen nicht einen von diesen Nullachtfünfzehn-Versen. Dieses ewige ›Gott ist die Liebe‹ oder ›Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin‹. Das nimmt ja jeder! Und das wird unserem Sohn nicht gerecht ...«

Ihr Mann übernahm nahtlos: »… ja, unser Sohn ist wirklich etwas ganz Besonderes. Er zeigt schon mit seinen sechs Monaten ausgeprägte Führungsstärke. Deshalb möchten wir als Taufvers etwas Modernes. Etwas mit Pfiff. So was wie: ›Möge die Macht mit dir sein!‹ oder ›Es gibt etwas Gutes in dieser Welt, Herr Frodo, und dafür lohnt es sich zu kämpfen‹ oder ›Du musst nur wollen!‹«

Die beiden schauten mich erwartungsvoll an.

Ich atmete einmal tief durch und sagte dann vorsichtig: »Zumindest Ihr letzter Vorschlag entspricht nicht ganz dem christlichen Gnadenverständnis. Und es sollte doch ein Satz aus der Bibel sein. Schließlich wird ihr Kind ja in die Kirche hineingetauft.«

Der Vater plusterte sich auf: »Die Kirche. Typisch. Reaktionär wie immer. Sehr schade. Haben Sie dann wenigstens einen ungewöhnlichen Bibelvers für uns, einen, den noch kein anderes Kind hatte?«

Ich musste mir ein Grinsen verbeißen. Dann sagte ich: »Nun, es gibt einige Sprüche, die garantiert noch niemand gewählt hat. Zum Beispiel: ›Mein ist die Rache, spricht der Herr.‹ Oder: ›Wenn jemand einen widerspenstigen Sohn hat, so sollen sie ihn steinigen.‹ Oder: ›Wer nicht seinen Vater und seine Mutter hasst, der kann nicht mein Jünger sein.‹«

Eisiges Schweigen.

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