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kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2018
Der Kampf um den Sand
Die Gier nach dem Rohstoff bedroht Mensch und Umwelt
Der Inhalt:

Vorgespräch: Ist Rache süß?

Wie gehen Menschen mit Rachegelüsten um? Der Theologe Kurt W. Schmidt veranstaltet eine Tagung, die sich mit der Rache in Oper, Literatur und Film beschäftigt

Publik-Forum: Rache ist ein starkes archaisches Gefühl. Ist es deswegen ein Tabuthema, über Rachegedanken zu sprechen?

Kurt W. Schmidt: In der Literatur und der Kunst ist Rache kein Tabu. Sie ist auch nicht einfach ein archaischer Trieb, sondern ein Zeichen dafür, dass unser Gerechtigkeitsempfinden gestört wurde. Heute leben wir in einem Rechtsstaat, in dem wir die Ausführung von Gerechtigkeit an den Staat übertragen. Nur wenn das System funktioniert, können wir die Rachegedanken im Griff halten. Wenn diese es aber nicht schaffen, Gerechtigkeit herzustellen, bleibt das Gefühl von Unrecht und das Bedürfnis nach Rache. Das ist besonders in der Kunst ein beliebtes Thema.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Schmidt: Beispielsweise die Eingangssequenz von »Der Pate«: Polizei und Gericht versagen und die Täter verlassen lachend den Gerichtssaal. Der Familienvater bleibt mit seinem erlittenen Unrecht zurück und bittet schließlich den Mafia-Paten, Gerechtigkeit herzustellen. Auch in der Bibel lesen wir, wie Menschen Gerechtigkeit suchen. Nehmen Sie das Zitat »Auge um Auge, Zahn um Zahn«, das oft fälschlich verstanden wird als Legitimation von Rache. Das Gegenteil ist der Fall! Es war der Versuch, ausufernde Selbstjustiz einzudämmen und Verhältnismäßigkeit herzustellen.

Wie werden Menschen, die Rache suchen, in Kunst und Literatur dargestellt?

Schmidt: Sie bleiben meist mit einem schlechten Gewissen zurück. Das Verlangen nach Rache nimmt so überhand, dass es Lebensthema wird. Wenn sie sich gerächt haben, sehen sie keinen Grund mehr, am Leben zu bleiben.