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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2018
Der Kampf um den Sand
Die Gier nach dem Rohstoff bedroht Mensch und Umwelt
Der Inhalt:

Streitfragen
zur Zukunft: Heute nochvon Sünde reden?

von Notger Slenczka vom 09.03.2018
Ja, nur wer sich als Sünder versteht, versteht sich richtig Die christliche Sündenlehre entspricht der menschlichen Erfahrung

Kritik ist das Lebensmittel der Religion. Nie ist der christliche Glaube so lebendig und wach wie dann, wenn er infrage gestellt und zum Denken genötigt wird. Die Kritik ruft die Theologie aus ihrer intellektuellen Verfettung. Denn die ärgste Feindin der Wahrheit ist nicht die Bestreitung einer Wahrheit, sondern die bräsige Denkfaulheit, die sich im Selbstverständlichen eingerichtet hat. Oder die Angst: »Bloß nichts anfassen, sonst kippt hier alles …« Daher: Ich teile zwar die Auffassung meines Kollegen Klaas Huizing inhaltlich nicht, aber ihm ist ausdrücklich zu danken. Huizings Kritik entzündet sich daran, dass der christliche Glaube traditionell die Erlösung von der Sünde durch das Kreuz Christi verheißt. Der Glaube setzt voraus: »Sie sind allzumal Sünder … und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist«, wie es im Römerbrief (3, 23) heißt. Dagegen versteht Huizing das Christentum als »Gewaltunterbrechung« durch »Statusverzicht«. Schuld beginne mit dem Übergang zur Gewalt. Gewalt ist die Folge der Statusangst. Also ist das Ende der Gewalt die Einweisung in den Statusverzicht, zu dem die Gleichnisse Jesu und die Geschichte von Kain und Abel, an der Klaas Huizing besonders hängt, anleiten. Um diese Pointe zum Leuchten zu bringen, bedarf es des Endes der »Sündenverbiesterung«: »Menschen sind nicht notorische Sünder, sie sind gut, aber verführbar. Daher müssen sie darin gecoacht werden, ihre Autonomie nicht zu missbrauchen.«

Aber ist es wirklich so, dass Kain erst durch die Tat zum bösen Egozentriker verkommt, der sich auf Kosten seines Bruders durchsetzt? Die christliche Sündenlehre seit Augustin widerspricht genau der Feststellung, wonach nur derjenige böse ist, der Böses tut. Der reiche Jüngling im Markusevangelium hat von Jugend auf alle Gebote erfüllt – aber in seiner Unfähigkeit, sich von seinem Reichtum zu trennen, zeigt sich eine Bindung, die noch tiefer ist. Sie wurzelt in der willentlichen Ausrichtung seiner Existenz, von der er sich nicht lösen kann (vgl. 10, 17-22). Oder: Kain hat noch nicht den Bruder erschlagen, wird aber im Gespräch mit Gott auf die Sünde angesprochen, die ihn schon in ihren Bann gezogen hat. Genau dies geht den Bußtheologen an der Schwelle zum Hochmittelalter auf, namentlich Petrus Abaelard: Die Sünde liegt nicht in der Tat, dem Mord, sondern im Willen, der die Tat leitet. Das ist erfahrungsg

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