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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2017
Weisheit aus der Wüste
Das spirituelle Erbe der frühen Christen
Der Inhalt:

Erdogans fromme Macht

von Ulrich von Schwerin vom 10.03.2017
Die türkische Religionsbehörde »Diyanet« ist weder unabhängig noch politisch neutral

Fragen über Fragen: Seitdem Imame des Moscheeverbands Ditib in Deutschland in den Verdacht geraten sind, Informationen über Anhänger der Hikmet-Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen gesammelt und sie in die Türkei weitergeleitet zu haben, richten sich alle Blicke auf die türkische Religionsbehörde Diyanet: Nimmt Ankara über die Diyanet Einfluss auf Ditib-Imame? Wirken islamische Geistliche in Deutschland als verlängerter Arm des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan? Verfolgt der starke Mann vom Bosporus über die Imame seine Gegner bis nach Deutschland?

Die Verbindung der Ditib-Imame zur Diyanet ist in der Tat so eng, dass man kaum von Unabhängigkeit sprechen kann. Denn die Imame werden von der Diyanet ausgebildet, entsandt und bezahlt. Sie haben auch nach deren Vorgaben zu predigen. Dabei ist die Diyanet kein Gremium, das sich nur aus Gelehrten und Geistlichen zusammensetzt, sondern eine Behörde der türkischen Regierung, deren Direktor vom Staatspräsidenten ernannt wird. Das ist fast so, als wenn Angela Merkel den EKD-Ratsvorsitzenden einsetzen könnte.

Da der türkische Staat von der Partei Erdogans kontrolliert wird, kann es nicht verwundern, dass der Diyanet-Direktor Mehmet Görmez ganz auf Regierungslinie ist. Mitte Februar musste er Stellung zur sogenannten Spitzelaffäre beziehen. Dabei betonte er: »Eines der grundlegendsten Prinzipien der Diyanet ist politische Neutralität im Dienst.« Doch in den Medienberichten über spionierende Imame sieht Görmez nur »eine unnütze Hetzkampagne« gegen die Türkei, die bei den türkischen Muslimen in Deutschland ein »irreparables Trauma« hinterlassen werde. Sieht so politische Neutralität aus?

Natürlich kann man fragen, wie weit die Diyanet jemals unabhängig vom Staat und politisch neutral war. Die Behörde wurde ein Jahr nach Gründung der türkischen Republik 1923 ins Leben gerufen, um die potenziell subversiven Kräfte des Islams unter Kontrolle zu bringen und eine Auslegung des Korans im Sinne des kemalistischen Staates zu propagieren. Damit trat sie in die Nachfolge des Scheichs ul-Islam, der im Osmanischen Reich als oberster islamischer Rechtsgelehrter im Auftrag des Sultans den Koran ausgelegt hatte.

Der von Mustafa Kemal Atatürk gegründete Staat war zwar laizistisch, doch bedeutete Laizismus in der

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