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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2016
Gott suchen in Auschwitz?
Eine Begegnung mit Überlebenden
Der Inhalt:

Spiritprotokoll: Morgengebet auf der Autobahn

von Eva-Maria Lerch vom 11.03.2016
Unsere Autorin pendelt täglich siebzig Kilometer zum Arbeitsplatz – und findet ihren spirituellen Ort am Steuer

Es gibt wohl kaum einen Ort, der so wenig Transzendenz ausstrahlt wie die Autobahn: unendlicher grauer Asphalt, Millionen von Blechkisten, kalte blaue Hinweissschilder, Abgase, Motorengedröhn. Und doch ist die Autobahn Kassel–Frankfurt mein spiritueller Raum geworden, mein Ort für Stille und Gebet.

Bis vor ein paar Jahren habe ich regelmäßig meditiert. Nach dem Frühstück kniete ich mich in meine Medita tionsecke, zündete eine Kerze an, las einen Psalm, konzentrierte mich still auf meinen Atem. Danach klappte ich den Laptop auf und schrieb an meinen Artikeln für verschiedene Zeitschriften.

Aber heute setze ich mich morgens nicht mehr auf den Meditationshocker, sondern ans Steuer und fahre siebzig Kilometer Richtung Frankfurt. Zu meiner großen Freude muss ich jetzt nicht mehr allein zu Hause arbeiten, denn mein Lieblingsverlag hat mich unter Vertrag genommen und mir einen festen Platz in der Redaktion gegeben. Nur schade, dass dieser schöne Arbeitsplatz so weit draußen im Norden von Frankfurt liegt und für mich mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht zu erreichen ist.

Anfangs fluchte ich über die lange Anfahrt im Auto, die regelmäßigen Staus auf der viel befahrenen A5, diese ganze öde, verlorene Lebenszeit am Steuer. Und ich vermisste die morgendliche Stille, ihre klärende Kraft für den Alltag. Irgendwann fiel mir ein, was ich mal bei Carlo Caretto gelesen hatte: »In deiner Stadt ist deine Wüste.« Der italienische Mystiker glaubte, dass alle Menschen »eine Wüste« brauchen, wenn sie zu sich selbst und zu ihrem Gott finden wollen, einen Ort des Abstands und der Versenkung. Diese »Wüste« sei aber nicht nur in der Sahara zu finden, meinte Caretto, sondern auch in der Großstadt, inmitten eines ganz gewöhnlichen Daseins. Er selbst hatte sie in der Straßenbahn gefunden, auf dem Weg zur Arbeit. Da las er täglich eine Stunde in der Bibel. Und vielleicht, so dachte ich mir dann, könnte ja sogar die Autobahn eine solche Wüste sein.

Sobald mein Golf die Auffahrt nach Frankfurt passiert hat, bleibe ich jetzt meist auf der rechten Spur, schalte den Tempomat auf 120, schaue in die weiche, hügelige mittelhessische Landschaft und in die Wiesen der Wetterau, durch die meine Strecke mich führt. Ich versuche, einfach da zu sein, das Steuer leicht in der Hand zu halten und nicht viel zu denken. Ich will wahrnehmen, wo ich bin, was ich sehe, wie ich heute da bin.

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