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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2016
Gott suchen in Auschwitz?
Eine Begegnung mit Überlebenden
Der Inhalt:

»Die alten Fronten sind überholt«

von Michael Schüßler vom 11.03.2016
Das Pathos der Befreiungstheologie verfängt heute nicht mehr

Der Beitrag »Was heißt das eigentlich: Kirche der Armen?« in Publik-Forum 23/2015 hat eine lebhafte und kontroverse Debatte über Erbe und Auftrag der Befreiungstheologie ausgelöst. War sie »nur« ein Generationenprojekt oder ist sie bleibend aktuell? Haben sich die geschichtlichen, politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen, die zu diesem Neuansatz führten, geändert? Darüber diskutieren die Theologen Michael Schüßler und Stefan Silber. Heute lehren beide Theologie, früher haben sie praktische Erfahrungen mit der Befreiungstheologie gesammelt: Stefan Silber in Bolivien, Michael Schüßler in Brasilien.

Ein Vortrag von Jon Sobrino war der Auslöser, um mich in den 1990er-Jahren für ein halbes Jahr zu den Straßenkindern Brasiliens aufzumachen. Dort erlebte ich viel von dem, was die »Theologie der Befreiung« zu einer Innovation gemacht hat: Faszinierende Kulturkontraste, solidarische Basisgemeinden, eine Theologie, die von der Reich-Gottes-Botschaft Jesu ausging und nicht nur auf das Heil im Jenseits vertröstete, sondern diese Verheißung in der »Option für die Armen« entdeckte. Theologie der Befreiung, das war Gottesdienst im Straßenkinderprojekt mit der Kühltruhe als Altar. In all dem lag eine heilsame Entbanalisierung der kirchlichen Komfortzonen Europas: solidarischer Widerstand gegen Armut, feudalistische Strukturen und diktatorische Regime.

Und heute? Wer gegenwärtig an Befreiungstheologie interessiert ist, hat es allzu oft mit nostalgischer Erinnerung zu tun. Was dabei aus dem Blick zu geraten scheint, ist die unübersichtliche Gegenwart. Und hier beginnt das Problem. Die Befreiungstheologie war in ein ganz bestimmtes geschichtstheologisches Projekt eingebettet. Ihr sympathisches Motto: »Die kleinen Leute machen heut’ Geschichte.« Man verstand sich als Keimzelle einer neuen Kirche und einer neuen Gesellschaft. Aus den basiskirchlichen Aufbrüchen sollte ein grundsätzlicher Neuanfang werden. Im Hintergrund stand die Idee, man könnte am Reich Gottes bauen wie an einer solidarischen Gegenkathedrale zu den zerstörerischen Mächten in Wirtschaft und Politik.

Dieses Pathos verfängt heute nicht mehr. Es fiel zu eindeutig aus, schien sich seiner Sache zu sicher. Aussagen wie »am Reich Gottes bauen« unterstellen, dass wir geschichtsmächtige Subjekte sind, die mit Gott an der Seite am Fortschritt hin zu ei

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