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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2016
Gott suchen in Auschwitz?
Eine Begegnung mit Überlebenden
Der Inhalt:

Ausflüge an den Rand der Sprache

von Gesa Wicke vom 11.03.2016
Der Leipziger Theologe Christian Lehnert ist einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker der Gegenwart. Religiöse Erbauung hat er nicht zu bieten

Der dichtende Pastor – so wird Christian Lehnert oft genannt. Eine Beschreibung, die hängen bleibt – kurz und prägnant. Er selbst ist darüber nicht glücklich. »Es amüsiert mich ein bisschen. Aber es nervt mich auch, weil diese Zuschreibung die Wahrnehmung verengt und einen falschen Fokus setzt.« Das Religiöse an seiner Lyrik lässt sich selten eindeutig festmachen, geistliche Themen sind eher rar. »Ich schreibe über so vieles – über Insekten, über Pflanzen, über die Natur im Allgemeinen. Und selbst wenn man meine Texte als geistliche Lyrik bezeichnen möchte, heißt das ja nicht, dass sie kirchlich en vogue sind. Deshalb finde ich diese Bezeichnung problematisch, auch weil ich da schnell unter Ideologieverdacht gerate.«

Christian Lehnert – schwarze Cordhose, dunkelblaues Hemd, schlichtes Jackett und randlose Brille – sitzt in der Bibliothek des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der Universität Leipzig, dessen Geschäftsführer er ist. Der 46-Jährige nimmt sich Zeit für seine Antworten, er spricht leise und mit Bedacht. Fast ein wenig schüchtern wirkt er. »Ich bin ein gläubiger Mensch, deshalb erlebe ich die Welt auf eine ganz bestimmte Art und Weise«, sagt er und nennt als Beispiel seine Naturgedichte. Er begegne der Welt mit einer Haltung des Staunens. »Die Dinge bedeuten etwas. Und dieser Bedeutung lausche ich in meinen Texten nach.« Oft ähnelt sein Schreiben einem Versuch der natürlichen Metaphysik – das verbindet Christian Lehnert mehr mit den Autoren der klassischen Moderne als mit kirchlichen Traditionen.

Trotzdem findet er es wichtig, Sprachformen zu finden für das Geheimnis Gottes. Keine leichte Aufgabe, weil religiöse Begriffe so aufgeladen, so häufig missbraucht und kontaminiert worden sind. Allein das Wort Gott in einem Gedicht zu verwenden sei ungemein schwierig, findet Lehnert. Und wenn er es dann doch einmal verwendet, zeigt sich »Gott« meist in einem unbekannten Gewand. In seinem Gedichtszyklus »Aufkommender Atem« etwa beschreibt er Gott als ein »reines, leeres Feld, das nichts behält«. Diese Darstellung erzeugt Irritationen und stößt nicht bei allen Kirchenvertretern auf Begeisterung. Doch Lehnert ist es wichtig, das Beunruhigende, Dunkle und Fremde unserer Existenz auszuhalten, es nicht mit besänftigenden Erklärungen zu überdecken. Das gelte für die Lyrik ebenso wie für den Glauben.

Er selbst sieht sich am ehesten in der

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