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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2015
Kann Religion Frieden?
Was die Macht des Terrors bricht
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Zurück? Niemals!«

von Inna Hartwich vom 13.03.2015
Sie floh aus China nach Hongkong, um ein besseres Leben zu finden. Jetzt lebt Law Lai-kuen mit ihren Enkeln auf vier Quadratmetern

Der erste Schritt ins Wasser war hart. Ich sah das dunkle Nass vor mir und spürte eine furchtbare Angst. Werde ich es schaffen – für mich, für meine Familie? Werde ich diese wenigen Hundert Meter hinkriegen, ohne unterzugehen, ohne den Grenzschützern in die Hände zu fallen? Wir waren zu zwölft in jenem Winter 1979. Wir wollten weg aus China, weg aus unserem Dorf in der Provinz Guangdong, weg aus der Armut. Wir wollten ein besseres Leben, in Hongkong, das wir uns so viel schöner vorstellten. Ich zog meine Kleider enger, meine selbstgestrickte Mütze tiefer ins Gesicht und sprang hinein. Ich war 29 Jahre alt und voller Träume. Schwimmen konnte ich kaum.

Hongkong macht es nicht jedem leicht, seine Träume zu leben. Vor allem ungelernten Arbeitern wie mir nicht. Früher gab es hier noch mehr Fabriken, ich habe überall gearbeitet, habe irgendwelche Telefone zusammengebastelt, Spielzeug produziert. Jetzt arbeite ich seit zehn Jahren in einem chinesischen Restaurant. Mein Verdienst? 3600 Hongkong-Dollar, rund 370 Euro. Viel ist das nicht, wir fallen unter die Armutsgrenze. Aber die Köche werfen manchmal Lebensmittel weg, die ich mitnehmen kann. Heute habe ich einen Fisch mitgebracht, will eine Fischsuppe kochen, nicht immer nur Reis. Meine Enkel werden sich sicher freuen. Wir wohnen zu acht hier auf dem Dach. In drei Kammern: ich und meine beiden Enkel gleich am Eingang, mein Exmann im nächsten Zimmer, und ganz da hinten, fast schon bei der Toilette, lebt eine Familie mit zwei Kindern. Der Dachaufbau ist natürlich illegal, auch wenn ich dafür 20 000 Hongkong-Dollar in drei Raten bezahlt habe – zu Zeiten, als ich dreißig Hongkong-Dollar am Tag verdiente. Ich habe hier drei Töchter großgezogen, jetzt betreue ich meine Enkel.

Vier Quadratmeter haben wir zum Leben. Oben auf dem Hochbett haben wir unsere Sachen: Kleider, Bettwäsche, die Schulranzen der Kinder. Hier unten schlafen wir. Auf dem Kissen an der Wand mein Enkel Bing-chiu, hier vorne meine Enkelin Man-li und ich. Wenn meine Tochter einmal aus Festlandchina zu Besuch ist, verziehe ich mich auf den Boden vor dem Bett. Kochen tue ich draußen, in der Nähe der Treppe. Auch eine alte Waschmaschine haben wir uns angeschafft. Die Sozialarbeiter – was täten wir nur ohne sie! – haben kürzlich einen Tisch und zwei Stühle mitgebracht, so können die Kinder nun bequemer ihre Hausaufgaben machen. Mein Exmann holt sie von der Schule ab, wenn ich arbeite.

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