Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2015
Kann Religion Frieden?
Was die Macht des Terrors bricht
Der Inhalt:

Bei jedem Türklingeln die Angst

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 13.03.2015
Kindheit? Ausgefallen. Nevroz Duman war hier acht Jahre nur geduldet

Sobald die Tür hinter mir ins Schloss fiel, wenn ich von der Schule kam, war die Angst da«, sagt Nevroz Duman. Die Angst vor einer Abschiebung. Sie begleitete die junge Kurdin ihre gesamte Jugend hindurch. Denn sie lebte mit einer Duldung in Deutschland. Acht lange Jahre.

»Jedes Mal, wenn es an der Tür klingelte, hatte ich Panik, dass es die Polizei ist, die uns holen kommt.« Wenn ein Auto vorfuhr, durchzuckte sie der Gedanke: War’s das jetzt? Müssen wir zurück?

Die heute 25-Jährige kam 2001 mit ihrer Mutter und den Geschwistern aus der Osttürkei nach Deutschland. Und der Vater? »Den gibt es nicht«, sagt sie. Mehr nicht. Bei ihrer Ankunft in Hessen war Nevroz Duman zwölf Jahre alt. »Ich erinnere mich noch gut an die Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen«, erzählt sie. »Rundherum waren Zäune. Und ich dachte: Wieso sperren sie uns hier ein?«

Heute arbeitet Nevroz Duman beim Internationalen Bund, im Vorstand von Pro Asyl und bei Jugendliche ohne Grenzen. Als Koordinatorin dieser Gruppe setzt sie sich für einen Abschiebestopp und ein großzügiges Bleiberecht für Flüchtlinge ein. Sie spricht akzentfrei Deutsch. Die Sprache hat sie sich selbst beigebracht – Integrationskurse gab es damals noch nicht, zumindest nicht für sie.

Nevroz Duman hat die schwarzen Haare zurückgebunden, die dunklen Augen leuchten. Sie trägt ein winziges Nasenpiercing, das erst auf den zweiten Blick auffällt. Als Expertin für Asyl und Flucht wird sie zu vielen Podien und Konferenzen eingeladen. Duman ist eine kleine Frau, aber wenn sie erhobenen Hauptes auf der Bühne sitzt und über Flüchtlinge spricht, ganz selbstverständlich in ein Mikrofon, sieht das keiner. Genauso wenig wie man die Angst und die Schmerzen sieht, die sie hinter sich gelassen hat. Die junge Frau hat in ihrem Leben so ziemlich alles mitgemacht, was die deutsche Flüchtlingspolitik zu bieten hat: Flucht, Asylheim, Duldung, Schikane auf der Ausländerbehörde, drohende Abschiebung, Kirchenasyl, endlich dann die lang ersehnte Aufenthaltserlaubnis. »Man darf nicht mehr Kind sein«, fasst sie zusammen, was das mit ihr gemacht hat.

Oft waren es Kleinigkeiten, die Nevroz Duman zeigten, dass sie anders war. Zum Beispiel, dass sie sich als Teenager keine Gedanken über die passende Nagellackfarbe machen konnte. Für

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen