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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2015
Kann Religion Frieden?
Was die Macht des Terrors bricht
Der Inhalt:

Der Imam, dein Freund

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 13.03.2015
Mustafa Cimsit betreut als Seelsorger muslimische Häftlinge. Mit dem Koran im Gepäck ringt er hinter Gefängnismauern um Frieden und Gerechtigkeit – im Wettlauf gegen Salafisten

Publik-Forum: Herr Cimsit, Sie haben Religionswissenschaften und Pädagogik studiert. Wie sind Sie dann zum Gefängnis-Seelsorger geworden?

Mustafa Cimsit: Ich war schon länger im Bereich der muslimischen Seelsorge tätig. Gemeinsam mit der evangelischen Kirche habe ich ein Projekt zur Krankenhaus-Seelsorge ins Leben gerufen und ein Jahr lang Patienten begleitet. Dann wurde ich von der Islamischen Gemeinde Frankfurt gefragt, ob ich mir Seelsorge im Gefängnis vorstellen könnte. Die Gemeinde war von der Direktion der Haftanstalt angesprochen worden. Sie suchte einen Imam, der gut Deutsch spricht und eine demokratische Gesinnung hat. Christliche Seelsorger gab es dort schon lange, aber noch keine muslimischen – und das, obwohl in beiden Haftanstalten, in denen ich arbeite, insgesamt etwa zweihundert muslimische Gefangene sind.

Wie sieht Ihr Alltag in der Haftanstalt aus?

Cimsit: Ich bete mit den Männern, wir lesen den Koran, ich leite das Freitagsgebet und biete Einzel- und Gruppenseelsorge an. Wenn jemand nach einem Gebetsteppich fragt, versuche ich ihm einen zu besorgen. Wenn jemand mir sein Herz ausschütten will, höre ich zu. Das Thema Schuld und Vergebung brennt vielen auf der Seele.

Wollen Sie einfach für die Menschen da sein, ihnen zuhören – oder auch ihr Weltbild verändern?

Cimsit: In letzter Zeit ist in den Medien viel von Radikalen in den Gefängnissen zu hören. Aber Seelsorge und Deradikalisierung sind zwei Paar Schuhe. Radikale Salafisten sind nur eine Minderheit in den Gefängnissen. Ein Seelsorger hat in erster Linie die Aufgabe, Trost zu spenden und Halt zu geben. Für die Gefangenen ist es sehr wichtig, dass da jemand von »draußen« kommt, der sich nicht um den Faktor Sicherheit kümmert, sondern darum, wie es ihnen geht. Aber in den Gesprächen merke ich natürlich, wenn jemand auf dem Weg einer Radikalisierung ist ...

Woran merken Sie das?

Cimsit: An gewissen Äußerungen. Wenn beispielsweise jemand zu mir sagt: »Wir können in Deutschland nichts erreichen, wir haben doch keine Chance hier«, schrillen bei mir die Alarmglocken. Wie meint er das? Meint er, als Bürger zu klein und unbedeutend zu sein, um etwas bewegen zu können? Okay, so füh

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