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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2014
Platzt der Traum?
Ukraine: Wie die Europäische Union Frieden und Demokratie stärken kann
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: Glück und Verzweiflung

von Gemma Pörzgen vom 14.03.2014
Mykhailo Jurchenko (35) lebt in Kiew. Während der Proteste in der Hauptstadt wurde er zum ersten Mal Vater

Ich war bei den Demonstrationen auf dem Maidan nur mit dem Herzen dabei. Dabei bin ich eigentlich ein politisch denkender Mensch, aber meine Frau war zur gleichen Zeit mit unserem ersten Kind schwanger. Ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen macht. Den Fernseher haben wir deshalb meistens aus gelassen. Auf meinem Computer habe ich die Nachrichten nur gelesen und Videos ganz vermieden, damit meine Frau keinen Schrecken bekommt. Am Wochenende haben wir lieber Komödien geschaut, damit die Stimmung positiv bleibt.

Wir wohnen in einer Zweizimmerwohnung am Rande des Stadtzentrums von Kiew. Es ist eigentlich mit der U-Bahn nur eine halbe Stunde vom Maidan entfernt, wo die großen Protestkundgebungen waren. Anderswo in der Stadt blieb es aber ruhig, das Leben schien normal weiterzugehen. Natürlich habe ich am Rande einiges mitbekommen, viel mehr als meine Frau. Auf dem Weg zur Arbeit steige ich immer an der U-Bahnstation Maidan um. Wenn dort Leute vom Protestcamp zustiegen, brachten sie einen beißenden Geruch von Rauch in das Abteil mit, der mir jedes Mal in die Nase stieg.

Einmal war es richtig unheimlich, weil die U-Bahn am Maidan einfach weiterfuhr ohne anzuhalten. Normalerweise ist es dort hell erleuchtet und sehr belebt. Aber an diesem Tag blieb es so stockduster wie im U-Bahntunnel. Es kursierten Gerüchte, die berüchtigte Sondereinheit »Berkut« habe sich dort verschanzt, um aus dem Untergrund heraus das Protestcamp anzugreifen. Ein paar Mal fuhr die U-Bahn gar nicht. Da blieb ich zu Hause und habe von dort aus gearbeitet.

Meine Tochter wurde dann ausgerechnet in der Nacht zum 19. Januar geboren. Das war der Tag der großen Kundgebung, die dann so gewalttätig endete. Ich war den ganzen Tag in der Klinik und überglücklich, dass alles gutgegangen war. Am Abend habe ich dann kurz die Nachrichten geschaut und war entsetzt. Trotzdem stellte sich bei mir irgendwie so eine vernünftige, nüchterne Ruhe ein. Da tobten in mir das große Gefühl des Glücks und gleichzeitig die Sorge und Erschütterung. Es war so, als ob diese widerstrebenden Emotionen sich miteinander ausbalancierten. Zwei Tage später war ich tief schockiert, dass drei Leute bei den Demonstrationen getötet wurden. Das war ein echtes Wechselbad der Gefühle.

Als meine Frau mit Sofia wieder nach Hause kam, fiel die Zentralheizung aus und draußen waren es minus zwanzig Grad. Zum Glück haben wir e

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