Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2013
Wohin denn noch?
Abschied vom Wachstumswahn
Der Inhalt:

Versteckt vor Hitler

von Thomas Seiterich vom 08.03.2013
Ein junger Deserteur hat Glück im letzten Winter des Zweiten Weltkriegs.
Er überlebt in einer theologischen Bibliothek in Freiburg.
Die Geschichte des Herbert Vorgrimler

Das Carolus-Haus ist eine ausladende, betagte Jugendstilvilla im Osten von Freiburg im Breisgau, mit einem bald hundertjährigen Kindergarten, mit Blumenbeeten, Rutschbahn, Kiesflächen und Laubengang. Dort, unweit des jahrhundertealten Gasthauses »Zum Schiff« und des Sportclub-Freiburg-Fußballstadions, öffnet sich die Stadt zum Schwarzwald.

In Sankt Carolus habe ich ab 1960 meine Kindergartenzeit verbracht. Und: In Sankt Carolus hatte sich, mehr als anderthalb Jahrzehnte zuvor, im Spätwinter 1944/45, in der Endzeit des Zweiten Weltkrieges, ein junger, christlicher Pazifist vor der Hitlerarmee versteckt. Darauf stand seinerzeit die Todesstrafe. Doch der junge Deserteur hatte Erfolg. Er lebt noch heute, weil ihn damals ein sozial engagierter Priester, der Caritas-Prälat Alfons Eckert, versteckt hat, in seiner Wohnung unter dem Dach der 1910 gebauten Villa Carolus. Herbert Vorgrimler heißt der damals versteckte junge Mann. Heute lebt er als über achtzig Jahre alter Theologieprofessor im westfälischen Münster.

Was Herbert Vorgrimler als Jugendlicher während des Krieges erlebte, kann einem den Atem rauben.

Der Dichter Reinhold Schneider (1903-1958) lebt damals in der überschaubaren Universitätsstadt Freiburg, ein baumlanger, halb verhungerter Mann. Schneider schreibt Sonette, streng geformte Gedichte gegen den Krieg. Der Poet verfasst Erzählungen und Betrachtungen über christliche Haltung und politischen Anstand, Texte, die zwischen den Zeilen gegen die Verbrechen des Hitlerreichs protestieren. Insgeheim werden Schneiders brisante Werke abgetippt und abgeschrieben. Sie wandern von Hand zu Hand bei vielen, die nicht einverstanden sind mit der Barbarei des Dritten Reiches. Vielerorts in Deutschland und selbst dort, wo Hitlers Armeen in Europa Krieg führen, stöbert die Geheime Staatspolizei Gestapo die von Reinhold Schneider stammenden, subversiven Verse, Theaterstücke, Aufsätze und historischen Romane auf.

Der Priester Alois Eckert möchte dem vom Regime verfemten Dichter, der keine Lebensmittelmarken erhält, helfen. Also bittet er seinen Messdiener Herbert Vorgrimler, der ihm täglich frühmorgens bei der heiligen Messe assistiert, im Jahr 1943 regelmäßig nach Pfaffenweiler zu fahren, mit dem Fahrrad. In diesem südlich von Freiburg gelegenen Winzerdorf am Batzenber

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen