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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2011
Kein Gott, nirgends?
Stephen Hawkings Theo-Physik
Der Inhalt:

Die Angst vor Reformen

von Richard Friedli vom 29.04.2011
Heftigen Streit um Einfluss und Macht gibt es nicht nur unter den Katholiken, sondern auch unter Muslimen und Buddhisten. Ein kleiner Religionsvergleich

Täglich lassen sich vielfältige Formen von gesellschaftlichen Wandlungsprozessen beobachten. Die »sanfte Revolution« der Jugend Ägyptens ist dafür eine ergreifende Illustration. Markante Mutationen gibt es auch unter den Religionen.

Davon ist das Memorandum »Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch« das aktuellste Beispiel. Seither reißt die kirchliche Kette von Rede und Gegenrede nicht ab. Solche Phänomene von kontroversem Kulturwandel und kognitiver Dissonanz werden in der Religionssoziologie mit Begriffen wie prophetische Kritik und institutionalisierte Gewalt, Basisbewegung und Religionspolitik, freies Wort und Gehirnwäsche etikettiert.

Was die innerkatholische Debatte um die Frauenordination betrifft, gibt es religionsvergleichend bemerkenswerte Parallelen. Denn südafrikanische und kanadische Muslime debattieren sehr kontrovers darüber, ob Frauen Imame sein können. Ähnliche Kontroversen finden sich im thailändischen Buddhismus, wo es darum geht, ob Nonnen ordiniert werden können.

In allen drei Traditionen dreht sich der Konflikt um die Frage, wer die Norm festlegt, wie Lehrreden des Buddha, Koran-Suren oder Evangelien interpretiert werden dürfen. Wer besitzt die Definitionsmacht? Das römisch-katholische Lehramt oder das christliche Volk Gottes in der Nachfolge Jesu? Die Scharia-kundigen Muftis oder die Gemeinschaft der Muslime? Die »Laien« auf dem Buddha-Weg oder die Äbte in buddhistischen Klöstern?

Dabei verlaufen die Denkstrukturen und Argumentationsstile religions- und kirchenpsychologisch identisch. Sie führen auch zu gleichartigen Reaktionen. Es ist interessant zu beobachten, wie katholische, islamische oder buddhistische Autoritätsträger auf solche, in der jeweiligen Tradition wohl begründeten Reformanregungen reagieren.

Die schwächste Form von Systemkritik ist ein Protest wie etwa das Memorandum. Viel radikalere Formen der Verweigerung wären zivile Nichtkooperation oder ziviler Ungehorsam. Aber bereits auf den kritischen Einspruch reagieren Hierarchieträger und ihre Fürsprecher quer durch die Religionen mit gleichen Methoden: die Autoren diffamieren, ihre Anliegen verteufeln und die Anfragen als arrogant disqualifizieren.

So heißt es etwa: Die christliche Tradition würde missachtet, das Haus des Islams würde zerstört oder die Unordnung zerfresse Buddhas Ordnung. In int

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