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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2011
Kein Gott, nirgends?
Stephen Hawkings Theo-Physik
Der Inhalt:

»Den Glutkern entfachen«

von on Johanna Jäger-Sommer vom 29.04.2011
Warum geht das Memorandum »Kirche 2011« nicht weit genug? Fragen an den Theologen Jürgen Manemann

Herr Professor Manemann, Sie haben das Memorandum »Kirche 2011« nicht unterzeichnet. Warum?

Jürgen Manemann: Ich teile die Anliegen, aber ich halte das Pathos des Memorandums für unangemessen. Es ist dort die Rede von »der letzten Chance« und von »einer beispiellosen Krise«.

Ist das wirklich zu pathetisch, angesichts der Missbrauchskrise, die so viel Vertrauen gekostet hat?

Manemann: Unter einer beispiellosen Krise der Kirche und des Christentums verstehe ich eher die Christenverfolgungen oder eine Krise, die sich das Christentum selbst zugefügt hat, indem es zum Beispiel nicht genug Widerstand gegen die Judenvernichtung geleistet hat.

Ist denn eine Bekämpfung der Kirchenkrise für Sie unwichtig?

Manemann:Nein, ganz und gar nicht. Die Realisierung der Anliegen des Memorandums wäre sicher ein Beitrag zur innerkirchlichen Glaubwürdigkeit. Aber wir dürfen nicht meinen, dass wir damit die Kirchenkrise gelöst hätten. Ein Blick auf die evangelische Kirche, die ja auch in einer Krise steckt, macht das deutlich. Die Krise geht tiefer. Sie ist, wie Johann Baptist Metz einmal formuliert hat, eine »Gotteskrise«. Damit ist die Krise des Glaubens an Gott gemeint, die vor allem im 20. Jahrhundert, etwa angesichts der Katastrophe von Auschwitz, radikal geworden ist: Wo bleibt Gott? Warum lässt er die Leiden zu? Aber die »Gotteskrise« ist auch von Menschen verursacht worden: Menschen haben nicht nur auf den Namen des Menschen, sondern auch auf den Namen Gottes gesündigt. Das bleibt nicht ohne Folgen für den Glauben. Wir müssen heute über die Kirchenkrise und die Gotteskrise gleichzeitig nachdenken. Dabei scheint mir der zentrale Begriff aus der Perspektive der Opfer, etwa auch des sexuellen Missbrauchs, nicht der Begriff der Freiheit zu sein, wie das Memorandum es sieht, sondern der der Gerechtigkeit. Denn die Missbrauchsopfer klagen ja Gerechtigkeit ein.

Spielt dann aber nicht auch eine Rolle, wie die katholische Kirche im Innern organisiert ist? Kann eine autoritäre, straff hierarchische Kirche, die wiederverheiratete Geschiedene von der Eucharistie und Frauen vom Amt ausschließt, glaubhaft Gott verkündigen?

Manemann: Sie kann es nicht, ohne Strukturen zu ändern, die Gerechtigkeit unmöglich machen. Wir müss

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