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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2020
Mahlzeit!
Mikroplastik – die allgegenwärtige Gefahr
Der Inhalt:

»Lest, um zu verstehen«

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 28.02.2020
Sozialprotokoll: Lam Wing-kee (64) ist Buchhändler aus Hongkong. Nachdem er von chinesischen Agenten verschleppt worden war, floh er nach Taiwan

Als sie mich festnahmen, mir eine Maske über den Kopf zogen und mich in einen Zug setzten, bekam ich Panik. Ich wusste nicht, wohin die Männer vom chinesischen Staatssicherheitsdienst mich bringen würden. Etwa 14 Stunden saß ich im Zug. Ich habe sie immer wieder gefragt: »Was geht hier vor? Was habe ich denn getan?« Aber ich bekam keine Antwort. Dieses Schweigen war furchtbar. Ich hatte solche Angst.

Ich bin Buchhändler. Das reicht in Hongkong schon, um von den chinesischen Behörden festgenommen zu werden. Erst viel später habe ich erfahren, dass es wohl um ein Buch ging, das sich mit einer lange zurückliegenden Affäre von Xi Jinping, dem Staatspräsidenten der Volksrepublik China, befasst. Ich wollte an jenem 24. Oktober 2015 von Hongkong aus nach Shenzhen reisen. Am Zoll wurde ich abgefangen und entführt.

Ich war nicht der Einzige: Vier Kollegen, Buchhändler und Verleger, wurden zeitgleich verhaftet. Einer von ihnen ist bis heute nicht wieder aufgetaucht. Aber all das wusste ich damals noch nicht. Im Gefängnis angekommen, haben sie mir Häftlingskleidung angezogen. Ich konnte zwei Nächte lang vor Aufregung nicht schlafen. Ich hatte Angst, dass sie auch meiner Familie etwas antun würden. Oder dass sie mich umbringen würden.

In eine winzige Zelle wurde ich gesteckt und rund um die Uhr überwacht. Ganz schlimm war es, als mir meine Wächter sagten, meine Freundin würde um mich weinen. Woher wussten die das? War sie vielleicht in der Nähe? Ich war so traurig und fühlte mich so hilflos, dass ich sie nicht beschützen konnte.

Und dann war da diese Liste, die sie mir zeigten: Kundenbestellungen aus meiner Buchhandlung. Das hat mich wirklich verstört. Wie waren sie da rangekommen? Arbeitete ein Kollege von mir womöglich mit ihnen zusammen? All diese Fragen gingen mir durch den Kopf.

Fünf Monate war ich dort, dann drei Monate in einem anderen Gefängnis. Ich musste unterschreiben, dass ich mich nicht um einen Anwalt bemühen würde. Sie haben mich auch gefoltert. Irgendwann haben sie mich gezwungen, ein Geständnis zu unterschreiben. Ich musste öffentlich im Fernsehen sagen, dass ich chinesische Gesetze gebrochen hätte und vom Ausland beeinflusst worden wäre. Wenigstens wusste meine Familie dann, dass ich lebe. Meine Freundin und meine zwei erwachsenen Söhne hatten vorher nicht gewusst, wo ich war.

Schließ

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