Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2019
Sie herrschen mit Gott
Wie es zu sexualisierter und spiritueller Gewalt in der Kirche kommt
Der Inhalt:

Zwei Mystiker und die Welt

von Anselm Grün, Ahmad Milad Karimi vom 22.02.2019
Im christlich-muslimischen Dialog gibt es zu viel Rechthaberei, meinen Anselm Grün und Milad Karimi. In ihrem Buch »Im Herzen der Spiritualität« erläutern die beiden Religionsvertreter, warum die Welt spirituelle Menschen braucht

»Wir bauen das Haus unseres Lebens«

Die christliche Spiritualität war immer auch von Mystik geprägt. Mystik definiert Thomas von Aquin als »cognitio dei experimentalis«, das meint: eine erfahrungsgesättigte Erkenntnis Gottes. In der Mystik geht es also (...) nicht um den Glauben an bestimmte Sätze über Gott. Die Mystiker waren immer freie Menschen. Denn sie trauten ihrer Erfahrung. Wer das Geheimnis Gottes in der Tiefe seiner Seele erfahren hat, der fühlt sich eins mit allen Menschen, die ebenfalls nach dieser tieferen Erfahrung Gottes suchen, auch wenn diese Erfahrungen jeweils in einer anderen Sprache beschrieben werden.

Viele christliche Mystiker und Mystikerinnen führten keineswegs nur ein Leben der Innerlichkeit, sie haben immer auch die Missstände in der Gesellschaft wahrgenommen und kritisiert. Hildegard von Bingen mahnte die Priester zu einem gottgefälligen Leben. Die Brabanter Mystikerin Hadewich kritisierte nicht nur den Zustand der Kirche, sondern auch den der Gesellschaft. Katharina von Siena redete dem Papst ins Gewissen, er solle nach dem Geist Jesu leben. Mystik ist immer auch Weltgestaltung. Frère Roger Schutz (der in der Zeit des Nationalsozialismus jüdische Flüchtlinge und Oppositionelle beherbergte) benennt diese in die christliche Spiritualität eingeschriebene Spannung mit der Formel »Kampf und Kontemplation«: Im Heute Gottes zu leben bedeutet für ihn demnach, sich auch in der Gegenwart zu engagieren. Der Pastoraltheologe Paul Zulehner beschreibt den Zusammenhang von »Mystik und Politik« als »in Gott eintauchen und bei den Menschen auftauchen«. Dorothee Sölle schrieb über die gesellschaftskritische Kraft des Christentums unter dem Titel »Mystik und Widerstand«. Ihre grundlegende Einsicht: »Wo Gott liebt und geliebt wird, küssen sich Gerechtigkeit und Friede, geht es um die Wirklichkeit einer befreiten Welt.« Johann Baptist Metz schließlich spricht in seiner »politischen Theologie« von einer »Mystik der offenen Augen« und betont die »memoria passionis«, also die Sensibilität des christlichen Glaubens für die Leidenden sowie die Hoffnung auf eine Humanisierung der Welt in Offenheit auf deren eschatologische Vollendung. Als gelebte Praxis finden wir diese Haltung etwa bei einer »Mystikerin der Tat« wie der Lepraärztin und Nonne Ruth Pfau, die über fünfzig Jahre im muslimischen Pakistan ihr Leben den Ärmsten der Armen weihte und dieses Tun aus ihrem Glauben heraus als

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen