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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2019
Sie herrschen mit Gott
Wie es zu sexualisierter und spiritueller Gewalt in der Kirche kommt
Der Inhalt:

Wenn das Vertrauen in die Menschen stirbt

von Karl-Heinz Behr vom 22.02.2019
Was wird aus Kindern, die Krieg und Gewalt erlebt haben? Ein Gespräch mit dem Traumatherapeuten und Psychologen Jan Ilhan Kizilhan, der Jugendliche in Deutschland und im Irak betreut

Publik-Forum: Professor Kizilhan, Sie arbeiten mit traumatisierten Jugendlichen. Was sind das für Situationen, die Sie da erleben?

Jan Ilhan Kizilhan: Ich sehe, was Krieg aus Menschen macht. Vor Kurzem habe ich im Irak einen Jungen erlebt, der in IS-Gefangenschaft zum Kindersoldaten ausgebildet werden sollte und dann im Wirrwarr verloren gegangen ist. Seine Mutter war in Gefangenschaft geraten, der Vater vor den Augen des Jungen erschossen worden. Die Mutter konnte fliehen, und die beiden haben sich im Flüchtlingscamp wiedergetroffen. Der Junge hat drei Monate gebraucht, um wieder mit seiner Mutter zu sprechen. Er hatte das Gefühl, seine Eltern hätten ihn im Stich gelassen.

Was sagen Sie solchen Kindern?

Kizilhan: Manchmal habe ich keine Antworten. Zum Beispiel, wenn ein neunjähriges Mädchen, das binnen zehn Monaten vom IS achtmal verkauft und hundertfach vergewaltigt worden ist, mir gegenübersitzt und fragt: »Herr Doktor, warum machen Menschen so was?« Die Kinder verlieren mit ihren Bezugspersonen das Vertrauen in die Menschen – und in die Menschheit. Das sitzt tief, sie werden misstrauisch und brauchen lange, bis sie überhaupt wieder vertrauen können. Krieg und Gewalt töten das Kindsein: Das Naive, das keinen Gedanken daran verschwendet, ob es morgen Essen gibt, denn dafür sind die Großen da; das Lächeln, die glänzenden Augen voller Neugier. Plötzlich ist dieses Kind völlig erwachsen, ernst, Mimik und Gestik verändern sich. Es lebt ständig mit einer Leere, weil es seine Kindheit verpasst hat.

Wie kann diesen Kindern geholfen werden?

Kizilhan: Bis Gefühle wieder wachsen, kann es drei oder vier Jahre dauern. Eltern oder Sozialarbeiter, die die Kinder begleiten, müssen viel Geduld haben, weil die Kinder sich wehren werden. Sie sind vielleicht aggressiv, weil sie mit ihren Alpträumen nicht zurechtkommen. Sie brauchen viel mehr Struktur im Alltag als andere. Denn Struktur gibt Sicherheit.

Gibt es hierzulande genügend therapeutische Angebote für traumatisierte Kinder?

Kizilhan: Nein. Wir haben zwar einige Traumazentren in Deutschland, aber die müssen jedes Jahr aufs Neue ums Überleben kämpfen. Sie wissen nie, ob sie ihre Miete noch zahlen können

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