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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2019
Sie herrschen mit Gott
Wie es zu sexualisierter und spiritueller Gewalt in der Kirche kommt
Der Inhalt:

Das verratene Volk

von Stephan Neumann vom 22.02.2019
Sozialismus oder Kapitalismus, Demokratie oder Diktatur? In Venezuela schien es immer um die große Systemfrage zu gehen. In Wahrheit missbrauchten die Eliten ihre Macht, um sich zu bereichern

Steht Venezuela vor einer historischen Wende? Der Machtkampf zwischen Nicolás Maduro und Juan Guaidó hielt bei Redaktionsschluss an. Wird er in Gewalt umschlagen? Oder erleben wir eine friedliche Revolution? Die Millionen, die bis jetzt friedlich gegen das Regime Maduro demonstrieren, mögen hierzulande Erinnerungen an 1989 wecken. Sie schlagen auf Kochtöpfe, um den Sicherheitskräften – vor allem den colectivos, Spezialeinheiten, die brutal gegen Oppositionelle vorgehen – zu zeigen, dass sie unbewaffnet für einen friedlichen Wandel sind – und Hunger leiden.

Maduro, der sich nach einer manipulierten Präsidentschaftswahl Anfang Januar vor dem Obersten Gerichtshof für eine zweite Amtszeit vereidigen ließ, kann sich nur noch auf hochrangige Militärs und paramilitärische Schlägerbanden verlassen. Den Rückhalt im venezolanischen Volk wie auch unter den einfachen Soldaten hat er längst verloren. Zu sehr setzt den Menschen die beispiellose Wirtschafts- und Versorgungskrise zu.

Erinnerungen an das Ende des Kalten Krieges werden zusätzlich geweckt, weil in den Erzählungen weltweit Venezuela zum Schauplatz der letzten Schlacht zwischen Sozialismus und Kapitalismus, zwischen Links und Rechts gemacht wird. Hier Maduros Regierung, die als kleines »gallisches Dorf« unbeugsamer Sozialisten nur noch unterstützt von Kuba der kapitalistischen Übermacht standhält, während selbst Verbündete wie Russland und China auf Distanz gehen. Dort die Opposition, die für Menschenrechte, Wohlstand und Demokratie kämpft, unterstützt von den USA und Europa, und die mit dem Parlamentspräsidenten Juan Guaidó eine smarte und vor allem einende Führungsfigur hat.

Es war kein Zufall, dass Guaidó und die Opposition zu ersten Massenprotesten für den 23. Januar aufriefen. Denn es ist ein historisches Datum: Es war der 23. Januar 1958, an dem der Diktator Marcos Pérez Jiménez nach sechs Jahren Alleinherrschaft gestürzt wurde – und Maduro ist nun auch seit sechs Jahren im Amt.

Sozialistische Ideen ignoriert

Doch historische Reminiszenzen sind im Fall Venezuela problematisch. Die Guten und die Schlechten, die Linken und die Rechten, diese Zuordnung lässt sich nicht eindeutig treffen. Marcos Pérez Jiménez, der die Opposition brutal unterdrückte, wurde vom damaligen US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower für seine Verdienste im K

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