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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2018
Gott und die Frauen
Das Erbe der Feministischen Theologie
Der Inhalt:

Wenn die Kirche zum Wohnzimmer wird

Die Nürnberger Gustav-Adolf-Kirche öffnet im Winter sechs Wochen lang ihre Tore. Die »Vesperkirche« ist ein Kraftakt und ein Fest zugleich

Es schmeckt hier ganz anders, als wenn man zu Hause allein am Tisch sitzt«, sagt Hannelore Gaßner. Bereits zum vierten Mal ist die 77-Jährige zu Besuch in der Nürnberger Vesperkirche. Nur einen symbolischen Beitrag von einem Euro zahlen Besucher für ein Drei-Gänge-Menü, Getränke, Kaffee und Kuchen. Doch darauf kommt es Hannelore Gaßner nicht an. Ihr geht es vor allem um die Gesellschaft. In der Vesperkirche in der Nürnberger Südstadt traf sie schon im Vorjahr, kurz nach dem Tod ihres Mannes, nette Menschen. Heuer trifft sie sie wieder.

Vesperkirchen gibt es seit bald einem Vierteljahrhundert. Sie verstehen sich als ein Raum, in dem die Menschenfreundlichkeit und die Nähe Gottes erfahrbar ist. Los ging es 1995 in Stuttgart. In Baden-Württemberg verwandeln sich inzwischen mehr als dreißig evangelische Kirchen für mehrere Wochen im Winter in einen Raum der Bewirtung, Gastfreundschaft und Begegnung. Die Idee findet auch in anderen Bundesländern Nachahmer. 2015 lud die Kirchengemeinde St. Johannis in Schweinfurt zur Vesperkirche ein, im Jahr darauf folgte die Nürnberger Gustav-Adolf-Gedächtniskirche, 2017 die Lutherkirche in Hannover. Jährlich werden es mehr.

Skeptiker kritisieren eine »Ökonomie des Mitleids«: Armut werde vorgeführt, keine nachhaltige Hilfe angeboten, kritisieren sie. Bei den ersten Vesperkirchen orientierte sich das Angebot vor allem an den Bedürfnissen der Obdachlosen und Armen. Doch in Nürnberg legen sie großen Wert darauf, dass sich ihr Kirchenraum für alle Menschen der Stadt öffnet – Geldbeutel, Status, Herkunft und Religion spielen keine Rolle. Für Konzept und Umsetzung erhielten die Nürnberger den Ehrenamtspreis der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern