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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2018
Gott und die Frauen
Das Erbe der Feministischen Theologie
Der Inhalt:

Streitfragen
zur Zukunft: Heute nochvon Sünde reden?

von Klaas Huizing vom 23.02.2018
Nein, der Begriff taugt nicht, um das Leben zu verstehen Die Kirchen sollten sich endlich von ihrer Lieblingsvokabel verabschieden

Die religiöse Gelehrtenrepublik ist altersmüde, auch deshalb, weil die Sprache ihres Personals bizarr altmodisch klingt. Sünde ist so eine Vokabel, die außerhalb der Gelehrtenrepublik allenfalls noch halb ironisch in den Mund genommen wird, wenn etwa von Verkehrssünden und Kalorienversuchungen die Rede ist. Ihr Verschleiß hängt ursächlich damit zusammen, dass sie als moralische Keule missbraucht wurde. Aber sie ist vor allem deshalb zu einem streunenden Wort geworden, weil sie mit dem nach der Aufklärung Karriere machenden Großraumbegriff der Autonomie kaum vermittelbar scheint. Zwei unterschiedliche Menschenbilder stoßen aufeinander: hier die Vorstellung, der Mensch sei durch und durch Sünder und auf Gnade angewiesen, dort die Vorstellung, der Mensch sei autonom und gelingendes Leben ein zwar anstrengendes, aber durchaus nicht zum Scheitern verurteiltes Geschäft.

Ich schreibe gegen die Sündenverbiesterung der theologischen Diskursführerinnen und Diskursführer an, weil man gegen die erste Lesart begründete Bedenken anmelden kann. Mir geht es nicht nur um die moralische Engführung des Sündenbegriffs, sondern auch um die hermeneutische Dimension des Begriffs: Sünde ist für mich nicht der zentrale Deutungsschlüssel, um mein Leben zu verstehen. Ich deute mich nicht (zumindest nicht grundsätzlich) als Sünder. Und es gibt gute Argumente, es so zu sehen.

Ein Blick zurück in die Texte und die alttestamentliche Bibelauslegung kann helfen. Das Gründungsnarrativ der Schöpfungserzählungen wird heute präziser als in den letzten Jahrzehnten analysiert. Leider schlagen die Erkenntnisse in der Deutungsindustrie der systematischen Theologie, die den alttestamentlichen Erzählungen und Texten entweder instrumentalisierend oder halbwissend gegenübersteht, nicht durch. Alttestamentlern von Rang gelingt es heute leichthändig, mit Vorurteilen – etwa der Rede von der Erbsünde – aufzuräumen.

In seiner »Ethik des Alten Testaments« stellt der Marburger Theologe Rainer Kessler unmissverständlich klar: »Das Wort ›Sünde‹ kommt in Genesis 2-3 nicht vor. Von Sünde ist erstmals bei Kain in Gen. 4, 7 die Rede, und da ist sie kein Verhängnis, das von Adam her vererbt ist, sondern gilt als prinzipiell beherrschbar.« Auch die Rede vom Sündenfall ist nach Kessler unsinnig: »Das erste Menschenpaar wird in Gen. 2-3 als frei vorgestellt. Deshalb ist es überhaupt in der Lage, das göttliche Gebot zu übertr

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