Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2017
Wer ist Herr im Hirn?
Der Streit um den freien Willen
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Ich gehe als Alien

vom 24.02.2017

Das Leben ist ein ewiger Kreislauf. Wer Kinder hat, kann das nicht verdrängen. Alles kommt wieder: legosteinförmige Abdrücke an der nackten Fußsohle. Der seltsame Reim »Fang mich doch, du Eierloch«. Freundinnen-Dramen in der Schildkrötengruppe. Und Fasching. Oder Karneval, Fastnacht, Fassenacht – ist doch die Verwendung des richtigen Begriffs fürs Verkleiden, Schunkeln und Lustigsein in den letzten Februartagen regional streng geregelt. Fasching sagen bei uns in Frankfurt nur die Banausen. Also ich.

Im Grunde bin ich ja eine große Freundin meines Kulturkreises. Beim ersten »Macht hoch die Tür« des Jahres bekomme ich Gänsehaut, und wenn beim Osterbrunch neben dem Hefezopf frische Tulpen stehen, bin ich glücklich, und zwar so richtig. Ich sage auch klugscheißerisch, »also für mich ist heute Reformationstag«, wenn andere für Halloween Augäpfel-Muffins backen.

Aber in diesen Tagen würde ich mich gerne aus meinem Breitengrad wegbeamen. Am liebsten in einen dunklen Kinosaal, wo nonstop Wim-Wenders-Filme laufen. Fasching ist mir so wesensfremd wie Ballermann, Eisfischen und Scientology zusammen; von Weiberfastnacht bis Faschingsdienstag bin ich der humorloseste Mensch auf diesem Planeten. Nie habe ich mich einsamer gefühlt als in dieser Mehrzweckhalle, aus der ich als junge Lokalreporterin jeden Rosenmontag berichten musste. »Unter dem Motto ›Dies’ Jahr spielt die Narrenwelt/in einer bunten Dschungelwelt‹ führten die Gastgeber ihr Publikum zielstrebig mehrere Stunden durch ein bezauberndes Programm«, schrieb ich. Und schämte mich. Ich ging Jahr für Jahr als Alien. Also als ich. Kostümfrei. Daran hat sich nie etwas geändert.

Schon als Kind habe ich nur lustlos in der Verkleidungskiste gefischt und mir dann doch eine rote Perücke aufgesetzt, denn aufzufallen fand ich noch schlimmer, als mich zu verkleiden. Auf die nachweihnachtliche Frage, was ich denn »zu Fasching werden« will, sagte ich halt irgendwas. Pippi Langstrumpf. Zauberin. Marienkäfer. Ich habe in Luftschlangen gepustet und meinen kneifenden Käferanzug mit der Himbeermarmelade aus dem Kreppel bekleckert. Helau. Irgendwann war ich kein Kind mehr und konnte wirklich ins Kino gehen, bis der Wahnsinn vorbei war. Aber jetzt bin ich Mutter.

»Ich will Grüffelo werden!«, verkündete mein Sohn im Januar. Ich kann nicht nähen. Aber ich liebe mein Kind. Nach dem ersten Versuch, einen braunen Kapuzenp

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen