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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2017
Wer ist Herr im Hirn?
Der Streit um den freien Willen
Der Inhalt:

»Der Allmächtige hat mich so geschaffen«

von Anne Strotmann vom 24.02.2017
In einem anderen Land war Sameer Imam. Als bekannt wurde, dass er schwul ist, floh er. Sein Glaube sagt ihm, dass seine Liebe etwas Gutes ist. Doch die meisten homosexuellen Muslime finden auch in Deutschland keine religiöse Heimat

Im Dezember hat Sameer seinem Freund Stefan einen Heiratsantrag gemacht. Mit strahlenden Augen wischt er durch die Handyfotos, bis er zum Porträt eines schlanken jungen Mannes im Anzug kommt. Wenn Sameer nächste Woche seine Anhörung in einer Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge hat, wird Stefan sich freinehmen und mitkommen. Sameer ist nach Deutschland geflohen, nachdem seine Homosexualität bekannt wurde. In dem afrikanischen Land, in dem er viele Jahre lebte, war er ein bekannter Imam, mit einer eigenen Radio- und Fernsehsendung. Nun fürchtet er den Hass islamistischer Gruppen. Damit er anonym bleibt, wird dieses Land hier nicht genannt. Sameer und Stefan heißen eigentlich anders.

In seinem Geburtsland Pakistan wäre es Sameer wahrscheinlich nicht anders ergangen. Bereits mit elf Jahren wusste er: Ich bin ein Mann, der sich in Männer verliebt. Das seiner Familie zu erzählen, wäre undenkbar. »Sie würden mich umbringen.« Doch Sameer will nicht schlecht von seiner Familie reden, im Gegenteil: »Ich danke meinem Vater, dass er mich islamische Theologie hat studieren lassen. In meiner Gesellschaft und in meiner Religion gilt Homosexualität als Sünde. Also habe ich in den Schriften danach gesucht.« Natürlich kennt er die Geschichte vom Volk des Lot (vgl. S. 34), die im Koran mehrfach auftaucht und später dahingehend interpretiert wurde, dass Homosexualität eine Sünde sei. Doch das war nicht, wonach Sameer suchte. »Da geht es um unrechtmäßigen Sex. Mir ging es aber um meine Gefühle, um die Sehnsucht, mit einem Mann zusammen zu sein. Dagegen steht im ganzen Koran nichts.« Je länger er die Schriften studierte, desto mehr bestätigte sich für Sameer, was er eigentlich schon immer gewusst hatte: »Gott hat damit nichts zu tun. Es ist die Kultur, die homophob ist. Mit mir ist nichts falsch, der Allmächtige hat mich genau so geschaffen.«

Sameer verließ Pakistan und machte in einem afrikanischen Land Karriere als Theologe. Doch sein Vater folgte ihm und suchte ihm auch dort eine Frau. Sameer hat zwei Kinder. »Ich habe zwischendurch gedacht: Vielleicht halte ich es einfach aus und führe weiter ein unauffälliges Leben. Ich war ja beruflich auch sehr erfolgreich. Aber ich hatte so eine Sehnsucht danach, die Hand eines Mannes zu halten. Einfach bei ihm zu sein und mit ihm zu reden.«

Als seine Frau erfuhr, dass Sameer Männer liebt, erzä

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