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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2017
Wer ist Herr im Hirn?
Der Streit um den freien Willen
Der Inhalt:

Buddhismus auf Rezept?

von Mechthild Klein vom 24.02.2017
Achtsamkeitskurse boomen, Krankenkassen geben dafür Zuschüsse: Meditation gilt als Wundermittel gegen Stress und Burnout. Ist das ein Missbrauch von Spiritualität? Eine Meditationstechnik auf dem Prüfstand

Gelb gestrichene kahle Wände. Flauschige Wollmatten liegen auf dem Parkett, darauf orangefarbene Sitzkissen. Hier lenkt nichts ab, der Blick soll nach innen gerichtet werden. In dem Meditationsraum gegenüber der Hamburger Kirche St.-Johannis-Harvestehude bietet die Therapeutin Sibille Buschert seit Jahren regelmäßig sogenannte MBSR-Kurse an. Die Abkürzung steht für »Mindfulness Based Stress Reduction«, auf Deutsch etwa: »Stressabbau durch Achtsamkeit«.

Die Kursteilnehmer wollen lernen, abzuschalten und sich besser abgrenzen, zur Ruhe zu kommen oder besser zu schlafen. Mit Sibille Buschert haben sie eine ebenso erfahrene wie sympathische Begleiterin zur Seite, die schon zwanzig Jahre lang als Gestalt- und Körpertherapeutin arbeitet, auch im klinischen Bereich. Acht Wochen lang treffen sich die Achtsamkeitsschüler einmal in der Woche für zweieinhalb bis drei Stunden und lauschen Buscherts Anweisungen. Sie üben, sich im stillen Sitzen auf den Atem oder auf den Körper zu fokussieren; sie machen Yoga-Übungen oder liegen auf dem Boden und versuchen, immer bewusster wahrzunehmen, was sie gerade spüren und denken. Ziel dieser sogenannten Achtsamkeitsmeditation ist es nicht, Gedanken und Gefühle auszuschalten, sondern sie wohlwollend anzunehmen. Oder, wie der amerikanische Biologe und MBSR-Begründer Jon Kabat-Zinn das Gewahrsein beschreibt: »mit Absicht im gegenwärtigen Moment und ohne Beurteilung« zu verweilen. Durch längere Übung kann es gelingen, mehr Abstand zu bekommen, Grübelspiralen zu unterbrechen und nicht mehr im Affekt zu reagieren.

Die Gründe, einen solchen Kurs zu besuchen, sind vielfältig: Schwierigkeiten im Job, in der Familie, gesundheitliche Probleme oder mangelnde Selbstwertgefühle. Aber spirituelle Sinnsuche? Fehlanzeige. Es geht den Teilnehmern vielmehr um Hilfe zum Überleben im Alltag: Einige berichteten, dass sie jetzt besser im Job klarkommen. Nach dem regelmäßigen Üben zeigten sich viele ruhiger, überlegter und fühlten sich nicht mehr so getrieben in angespannten Situationen.

Mittlerweile gibt es zahlreiche Studien, die die stressreduzierende Wirksamkeit dieser Methode belegen sollen. Bei chronischen Schmerzen, aber auch bei Angststörungen und Depressionen soll sie helfen. Seit einigen Jahren bezuschussen deshalb auch Krankenkassen in Deutschland solche Kurse.

Meditieren gegen den Burnout? Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa h

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