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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2016
Martin Luther: Der zweifelhafte Freiheitsheld
Der Inhalt:

Auf Entzug

von Gotthard Fuchs vom 26.02.2016
Vom Sinn des Fastens

Längst hat sich in der Überflussgesellschaft herumgesprochen, dass Fasten heilsam ist: Voll sind Köpfe und Journale mit Diätempfehlungen, Fitnesskuren, Strategien zum Abnehmen. Aber es geht nicht nur um äußere Selbstsorge.

Gesucht wird das wahre Selbst, der freie Mensch, der nicht fremdbesetzt ist durch falsche Abhängigkeiten. Entsprechend braucht es spirituelle Trainingsmethoden und Übungen, um wieder ins Lot zu kommen – und die sind leibhaft konkret. Alle Religionen handeln davon, am bekanntesten ist der muslimische Fastenmonat Ramadan.

Im Christlichen sind zuerst die frühen Mönchsväter beispielhaft für den Mut, den Innenraum des Allzumenschlichen zu vermessen. Weil alle Unreinheit von innen kommt (vgl. Markus 7, 20 f.), können die Verhältnisse nur von innen heraus wirklich verändert werden. Das wird konkret in der handfesten, leibhaften Übung (griechisch: Askese) »durch Fasten und Beten«. Letzteres nannte der Kirchenvater Augustinus »das Training unserer Sehnsucht«. Die Diagnose lautet: Faktisch lebt der Mensch suchtförmig, und er bedarf einer Entziehungskur; nur so kommt sein wahres Selbst zum Leben, das Geheimnis göttlicher Gegenwart.

Deshalb spielt Fasten bei dem therapeutischen Programm der Mönchsväter und zuvor in der Bibel eine zentrale Rolle. Acht falsche Lebenseinstellungen sind es, die der Theologe monastischer Selbst- und Seelsorge – Evagrius Pontikus (ca. 345-399) – aus dem Gewirr innerer Antriebe herausdestilliert. Sie bestimmen die Spiritualitätsgeschichte bis heute. An oberster Stelle dieser Lasterliste steht der Hochmut – also die Weigerung, Mensch zu werden, und die Tendenz, immer mehr sein zu wollen, als man ist. Aus der Angst heraus, ins Nichts zu fallen, erwächst die inflatorische Neigung zum Gotteskomplex.

Das körperliche Fasten hilft im Sinne der Selbstkorrektur, innerlich klarer zu werden und entsprechend klarer nach außen zu wirken. Das eigentliche Ziel ist die Freilegung des wahren Selbst und damit die Entdeckung Gottes im eigenen Leben – und das hat immense soziale und politische »Risiken und Nebenwirkungen«.

Der Einstieg in diese Veränderungsarbeit beginnt demnach mit der Nummer eins der Achterliste, meist mit Fresslust oder Völlerei übersetzt. Das sei die simpelste und fatalste Falscheinstellung des Menschen: Ob Magersucht oder Overeating, der Mensch – und mit ihm die Welt – gerät aus

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