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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2016
Martin Luther: Der zweifelhafte Freiheitsheld
Der Inhalt:

Entnazifizierung auf Evangelisch

von Constanze Bandowski vom 26.02.2016
Spät, aber gründlich: Die nordelbischen Landeskirchen haben den Umgang mit Nazis nach 1945 untersuchen lassen

Am Anfang steht ein großes Fragezeichen: »Neue Anfänge nach 1945?« Unter diesem Leitwort untersucht eine Wanderausstellung, wie die Landeskirchen Nordelbiens mit ihrer NS-Vergangenheit umgegangen sind. »Mein Arbeitsauftrag war ergebnisoffen«, erklärt der Historiker Stephan Linck. Bei seinen umfangreichen Recherchen über mehr als 15 Jahre hinweg traten viele Ungeheuerlichkeiten auf, die so niemand erwartet hätte. »Ich auch nicht«, gesteht Linck, der heute Studienleiter für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit an der Evangelischen Akademie der Nordkirche ist.

Kriegsverbrecher, Nazigrößen und Theologen mit NS-Vergangenheit blieben zum Teil in Amt und Würden. Manche von ihnen wurden in den Nachkriegsjahren wieder eingestellt. Das Mitgefühl der Geistlichen galt eher den Tätern als den Opfern des Nationalsozialismus. Unter dem Banner des Antikommunismus wurden kritische Pastoren vom Verfassungsschutz beobachtet und von Kirchenoberen diffamiert. Doch es gab auch positive Beispiel wie die Lübecker Landeskirche, die konsequent Geistliche der nationalprotestantischen »Deutschen Christen« aus ihren Ämtern entfernte.

»Deutsche Christen« unbehelligt

Diese tiefgründige Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit sei dringend notwendig, sagte Landesbischof Gerhard Ulrich Ende Januar bei der Ausstellungseröffnung in der Hamburger Hauptkirche St. Jacobi. »Die schuldbeladene Geschichte der nordelbischen Landeskirche in der NS-Zeit und den Umgang damit nach 1945 aufzuarbeiten, bleibt eine Aufgabe für uns als Kirche der nachfolgenden Generationen.« Das sehen in der Nordkirche nicht alle so. Bereits der erste Band von Lincks Werk »Neue Anfänge? Der Umgang der evangelischen Kirche mit der NS-Vergangenheit und ihr Verhältnis zum Judentum« sorgte 2013 für große Aufregung und massive Kritik. Das Buch untersucht die ersten zwanzig Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Ende Februar erscheint nun der zweite Teil, der sich mit dem Zeitraum zwischen 1965 und 1985 beschäftigt.

Die Wanderausstellung verdichtet die Ergebnisse aus Lincks Forschungsarbeit in sechs Themenfeldern und setzt sie in zeithistorische Zusammenhänge. »Es ist natürlich schwierig, mehr als 850 Seiten so zu verknappen und zuzuspitzen, dass sie in das Format einer Ausstellung passen«, sagt die Berliner Kunstpublizistin Stefanie Endlich. »Im besten Fall kann e

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