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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2013
Die Entscheidung
Nach dem Rücktritt des Papstes: Was sich in der katholischen Kirche ändern muss
Der Inhalt:

Namen, Lager und Intrigen

von Thomas Seiterich vom 22.02.2013
Das Karussell der Papstkandidaten dreht sich. Doch bei dieser Wahl ist alles offen – und
eine Überraschung durchaus möglich

Kardinal Oscar Rodríguez nimmt sich für sein Gespräch in Bonn mit Publik-Forum über zwei Stunden Zeit. Bei der letzten Papstwahl im Jahr 2005 erhielt der Erzbischof der Diözese Tegucicalpa in Honduras zahlreiche Stimmen. Deshalb die Frage: »Würden Sie im Fall des Falles die Wahl zum Papst annehmen?« – »Ja, mit Gottes Hilfe«, antwortet der Salesianerpater ohne zu Zögern.

Dann schildert Rodríguez das Klima unter den Kardinälen, dem Wahlmännergremium für neue Päpste. Der athletisch wirkende Siebzigjährige ist ein unkonventioneller Kirchenführer, denn er hat neben Theologie auch Klinische Psychologie und Psychotherapie studiert. »In aller Stille« habe Benedikt XVI. mit der Politik seiner Kardinalsernennungen die Gewichte verschoben, sagt er, »nach rechts, zugunsten der Italiener«. Zugleich sei die Dritte Welt, insbesondere Lateinamerika, vom Papst »geschwächt worden«.

Tatsächlich sind die Gewichte unter den 117 wahlberechtigten Kardinälen bei der bevorstehenden Papstwahl äußerst ungleich verteilt. Italien stellt 28 Kardinäle, das sind über ein Viertel der Wähler. Der Anteil der Italiener ist damit höher als je zuvor. Aus Europa stammen 62 Papstwähler. Die Europäer besitzen somit die absolute Mehrheit. Aus der Neuen Welt dagegen kommen nur 35 Papstwähler: 14 Kardinäle aus Nord- und nur 21 aus Südamerika – obgleich nirgendwo mehr Katholiken leben als dort.

»Wir Kardinäle«, fährt Kardinal Rodríguez fort, »bilden eine Gruppe von Männern mit Ängsten.« Am größten sei die Furcht in der Kurie vor der überfälligen »Öffnung der Kirche für die jungen Menschen von heute«. Die römische Zentrale stellt 31 wahlberechtigte Kurienkardinäle. Sie leben allesamt in der vatikanischen Sonderwelt, weit entfernt vom Alltag und den Glaubensfragen der Menschen. Die Kurialen bilden den Kern des konservativen, auf Zentralismus und Kontrolle ausgerichteten Lagers im Wahlkollegium.

Das Gegengewicht bilden die aufgeschlossenen Ortsbischöfe. Kardinäle wie Odilo Scherer (64) von São Paulo, Luis Antonio Tagle (55) von Manila, Christoph Schönborn (68) von Wien oder Timothy Dolan (63) von New York. Sie betonen die Eigenverantwortlichkeit der Ortskirchen, wollen mehr Freiheit und weniger römische Gängelung.

Marco Politi, führender Vatikanjournalist mit Insiderwissen, sagt: »Das kommende Konklave ist völlig unentschieden. Alles

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