Mein angeknüpftes Leben
Es gab eine Zeit, da war ich aus Prinzip dagegen. Wie bei vielen Theologinnen und ihren Ethiklehrern in den 1980er-Jahren pochte mein Herz für jeden Menschen, dessen Gehirn für tot erklärt worden war. Ich bestand auf dessen Recht, »normal«, also am Stillstand des eigenen Pulses, zu sterben. Vor allem verlangte ich für seine Angehörigen die Chance, sich von dem geliebten Menschen zu verabschieden. Eine Organentnahme war für mich »Ausweidung« eines Menschenkörpers. Eine Niere, die an fremde Adern genäht wurde, verachtete ich als »Ersatzteil«, und die Gier nach solchen Werkstücken, die uns ewiges Leben verhießen, fand ich anmaßend, ja skrupellos. War es nicht theologisch inkorrekt, einfach nicht sterben zu wollen, wenn meine Zeit gekommen war?
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Susanne Krahe, geboren 1959, ist Theologin, Schriftstellerin und Hörfunkautorin. Sie lebt in Unna. Als Jugendliche erkrankte sie an Diabetes,
im Alter von dreißig Jahren erblindete sie. Im März erscheint das Buch
»Organspende – ein Akt der Nächstenliebe? Pro und Contra Transplantationsmedizin«, das Susanne Krahe zusammen mit dem evangelischen
Theologen Eberhard Fincke verfasst hat (Echter. 144 Seiten. 9,90 €).
