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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2012
Ende eines Traums?
Die Zukunft der arabischen Revolution
Der Inhalt:

Mit Koran und Mitgefühl

von Gerhard Klas vom 04.05.2012
Der indische Theologe Ashgar Ali Engineer stellt die Scharia infrage und entwirft eine islamische Befreiungstheologie

Um religiös zu sein, braucht es drei Qualitäten: das Streben nach Wahrheit, die Bescheidenheit und das Mitgefühl«, sagt Ashgar Ali Engineer. »Dabei spielt es keine Rolle, wie oft man eine Kirche, eine Moschee oder einen Tempel besucht, wie oft man Rituale verrichtet oder wie beredt man ist.« Er verweist auf Mahatma Gandhi: »Gandhi hat niemals einen Tempel besucht, er hat niemals das Ritual einer Puja, einer Ehrerbietung, verrichtet, aber er trug diese drei Qualitäten in sich.«

Ashgar Ali Engineer ist der wohl bekannteste islamische Reformtheologe Indiens. In seinem Buch »Islam und Revolution« entwickelt der 73-Jährige die Perspektive einer Befreiungstheologie, die Gerechtigkeit nicht im Jenseits, sondern im Hier und Jetzt verortet. Der wahre Islam sei immer an der Seite der Ausgebeuteten, Unterdrückten, Armen und Schwachen, erklärt er. Dabei setzt der Gelehrte nicht auf einen bewaffneten heiligen Krieg, sondern ausschließlich auf gewaltfreie Aktionen des zivilen Ungehorsams, um unmittelbarer und struktureller Gewalt entgegenzutreten. Ort seines Wirkens ist die 18-Millionen-Einwohner-Stadt Mumbai, das führende Wirtschaftszentrum des Landes. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde Mumbai häufig von Terroranschlägen und Pogromen heimgesucht. Obwohl die Wellen der Erregung hoch schlugen, kam es nicht zu Ausschreitungen gegen die muslimische Minderheit, die viele Hindu-Nationalisten als »die fünfte Kolonne Pakistans« betrachten und deren Partei – die Shiv Sena – seit mehr als 15 Jahren Mumbai regiert. Stattdessen mobilisierten viele muslimische Gemeinden Friedensdemonstrationen. Mit dabei waren auch Ashgar Ali Engineer und sein Zentrum für das Studium der Gesellschaft und des Säkularismus (CSSS). »Wir müssen zeigen, dass wir Inder sind, muslimische Inder. Wir dürfen nicht zulassen, dass wir ausgegrenzt werden in unserem eigenen Land«, erklärt seine Mitarbeiterin Kutub Kidwai.

Engineer hat zuerst eine Ausbildung als Bauingenieur gemacht, doch diese Tätigkeit nicht lange ausgeübt. »Mein Herz schlug für andere Dinge, für religiöse Studien, Philosophie und vergleichende Religionswissenschaften«, sagt er. Als er Student war, gab es viele Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen. »Ich fragte mich: Warum bekämpfen sich Menschen im Namen der Religion? Ist die Religion dafür verantwortlich oder etwas anderes?« Engineer erforschte das P

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