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»Die Bösen sind wir alle«

von Christian Boldt vom 04.05.2012
Über Spitzenmanager und Investmentbanker als Filmstars und die Wirkung kritischer Kinofilme.
Fragen an Erwin Wagenhofer, Regisseur von »Let’s Make Money!« und »We Feed the World«

Herr Wagenhofer, Sie drehen Kinofilme über große und umstrittene globale Entwicklungen. Wie kommen Sie zu Ihren Themen?

Erwin Wagenhofer: Am Anfang stehen ganz einfache Fragen: Wo kommt das Essen her? Wo geht das Geld hin? Warum werden Leute ausgegrenzt? Mehr ist nicht da zu Beginn. Wenn ich solche Fragen an Menschen stelle, dann bleibt bei mir fast immer eine Frage hängen: Warum kommt es zu den vielen Verwerfungen, wo wir doch so privilegiert sind, hier in Mitteleuropa.

Müssen Sie bei Kinofilmen nicht sehr kommerziell denken bei Themen, die sich eher gegen die Kommerzialisierung richten?

Wagenhofer: Leider wird im Kino unterschieden zwischen Kommerzfilmen, die viele Zuschauer ansehen, und Kunstfilmen, die wertvoll sind, aber von weniger Leuten angeschaut werden. Diese Unterscheidung ist für mich falsch. Für mich ist ein Film kommerziell, der nur gemacht wird, damit er gekauft wird, und das ist klassischerweise der Porno. Filme von großen Regisseuren wie Martin Scorsese oder Roman Polanski sollen natürlich ein breites Publikum erreichen, aber sie bieten einen hohen Anspruch.

Ein Kinospielfilm wie »Black Brown White« kostet eben seine 2,5 Millionen, und die muss er mindestens einspielen.

Wagenhofer: Black Brown White wird die 2,5 Millionen Euro nie im Kino einspielen. Alle anderen Filme dieser Art aber auch nicht, allenfalls über einen Zeitraum von zwanzig Jahren. Wir erleben gerade eine extreme Veränderung, was das Kino betrifft. Die Zuschauerzahlen sinken rapide. Das wird etwas abgefedert dadurch, dass Hollywood viele 3D-Filme auf den Markt bringt, die einen höheren Ticketpreis haben. Der Umsatz bleibt so etwa gleich, aber nicht mehr lange.

Drehen Sie Ihren nächsten Film auch wieder fürs Kino oder gehen Sie mal ins Fernsehen?

Wagenhofer: Nein, ich bleibe beim Kino. Das Kino ist der letzte Raum, wo wir frei sein dürfen. Fürs Fernsehen hätte ich weder We Feed the World noch Let’s Make Money! noch Black Brown White machen können.

Warum nicht?

Wagenhofer: Es beginnt damit, dass kaum ein Fernsehsender so ein Format hat. Von Ausnahmen abgesehen, gibt es keine Schiene, auf der ei

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