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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 3/2020
Geht doch!
Der Synodale Weg der katholischen Kirche
Der Inhalt:

»Ein Sommergewitter«

von Annette Lübbers vom 14.02.2020
Sozialprotokoll: Frank Wiesen (55) hatte lange keine Erklärung für seine Besonderheiten, bis er mit 45 eine Diagnose bekam: ADHS

In meinem Leben gibt es unglaublich viel Widersprüchliches. Ich liebe ein harmonisches Umfeld und neige doch zu Wutausbrüchen und bin leicht reizbar. Ich war schon als Kind ein sehr unternehmungslustiger Typ und kannte doch Phasen, wo ich am liebsten ganz allein mit einem Buch und einer Taschenlampe nachts unter der Bettdecke las. Mal war ich ein beliebter Klassenclown, mal beförderten mich meine Mitschüler wenig mitfühlend in eine Mülltonne.

Ich will am Rande stehen, Menschen beobachten und suche dann trotzdem die Aufmerksamkeit und das »Mittendrin«. Ich will Small Talk machen – wie alle anderen – und komme dann doch gleich zum Thema. Ich will anderen zuhören – und rede doch pausenlos selbst. Extrovertiert und introvertiert. Hyperaktiv und antriebslos. Lebenslustig und depressiv: All das geht bei mir mühelos zusammen.

Viele Jahre habe ich versucht, mich anzunehmen, wie ich nun einmal bin. Meine zweite Frau schleppte mich dann – ich war 45 Jahre alt – zu einem Arzt. Zwar war ich zuvor schon mal bei einer Psychologin gewesen, aber die war mit mir überfordert. 2009 die Diagnose: Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Eine Krankheit, bei der bestimmte Hirnleistungen nur eingeschränkt funktionieren und die bei Erwachsenen oft übersehen wird.

Eigentlich bin ich sehr froh, dass ich diese Diagnose nicht schon als Kind erhielt. Sonst hätte ich wohl damals schon Tabletten bekommen. Nun nahm ich die Pillen als Erwachsener, vertrug sie aber nicht gut. Da habe ich mich daran erinnert, dass ich unter dem Einfluss von Cannabis besser funktioniere, weil ich alles ein bisschen ruhiger und konzentrierter angehen kann. Seit letztem Jahr bekomme ich Cannabis auf Rezept. Eine kleine Dosis jeden Tag, das hilft mir.

Dennoch lebe ich mittlerweile von Hartz IV. Leider. Denn ich würde so gerne verreisen und all die schönen Orte sehen, die ich leider nur von Fotos kenne. Aber das ist natürlich nicht drin.

Mit dem normalen Arbeitsmarkt bin ich einfach nicht kompatibel. Ich habe meine eigenen Vorstellungen, funktioniere in Hierarchien nur schlecht und gehe nachlässig mit Vorschriften um. Im Freien arbeite ich schon mal gerne barfuß und in kurzen Hosen. Das entspricht natürlich keiner Sicherheitsvorschrift. Und mich einfach anpassen? Ganz schwierig. Außerdem neige ich dazu, wie ein Marathonmann loszulaufen und dann kurz vor dem

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