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Publik-Forum, Heft 3/2019
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Zusammen werden sie zu Bestien

von Hartmut Meesmann vom 08.02.2019
Männlichkeit und kollektive Gewalt: Vergewaltigung in der Gruppe ist ein Verbrechen, das weltweit immer wieder geschieht. Der Psychoanalytiker Luigi Zoja versucht zu erklären, wie es dazu kommt

Essen im Ruhrgebiet. Das Urteil über die fünf jungen Männer ist gefallen: Gefängnisstrafen zwischen drei und sechs Jahren. Die 17- bis 24-Jährigen waren der Gruppenvergewaltigung in sieben Fällen angeklagt. Die Opfer: junge Mädchen zwischen 16 und 18 Jahren. Der Richter spricht von »abscheulichen« Taten, das Verhalten der Täter sei »selbstherrlich und frauenverachtend« gewesen. Reue bei den deutschen Jugendlichen bulgarischer Herkunft? Kaum oder gar nicht.

Freiburg im Breisgau: Zehn junge Männer zwischen 19 und 29 Jahren – acht Syrer, ein Algerier, ein Deutscher – sitzen derzeit in Untersuchungshaft. Ihnen wird die gemeinschaftliche Vergewaltigung einer 18-Jährigen vorgeworfen.

Vergewaltigung in der Gruppe. Ein Verbrechen, das weltweit immer wieder in den Schlagzeilen auftaucht. Der italienische Psychoanalytiker Luigi Zoja erkennt in diesem Phänomen den »tierischen Rest im Männlichen« und spricht vom »Schatten männlicher Identität«. Seine Sicht der Dinge ist ein beklemmender, aber bedenkenswerter Debattenbeitrag. Der Psychoanalytiker hat eine Studie mit dem Titel »Männlichkeit und kollektive Gewalt« veröffentlicht. Die gemeinschaftliche, »orgiastische« Besessenheit bezeichnet er dort als »Zentaurismus«. Es handle sich dabei um das »Wiedererscheinen eines klassischen Mythos im Herzen der Moderne: des Mythos der Zentauren«.

Schon die alten Griechen müssen dem Phänomen der gemeinschaftlichen Vergewaltigung von Frauen durch meist jüngere Männer fassungslos gegenübergestanden haben. Sie versuchten sich dieses Phänomen mit der Erzählung von den Zentauren zu erklären: jenen Wesen, die halb Mensch, halb Pferd waren, deren Wandlung vom Tier zum Menschen also nur halb gelungen war. Die Zentauren lebten daher auch am Rand der Zivilisation. »Für den Zentauren gab es keinen Unterschied zwischen Sexualleben und sexueller Gewalt, es war ein- und dasselbe, Vergewaltigung war die wahre Form der Sexualität«, erläutert Luigi Zoja. So stehe der Zentaur für »negative Ekstasen«, die die menschliche Würde zerstören, für »aggressiven Rausch und die Vergewaltigung«. Schuldgefühle würden dabei zurückgedrängt oder ganz verschwinden.

Das Erleben sexueller Potenz und Dominanz in der Gruppe werde vom Einzelnen als Stärkung der eigenen männlichen Geschlechtsidentität erlebt, die grundsätzlich zerbrechlicher sei als die von Frauen, sagt Zoja. Psychologen konstatieren in

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