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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 3/2019
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Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Jetzt traue ich mir wieder etwas zu!«

von Barbara Brüning vom 08.02.2019
Thomas Weiß (52) war obdachlos. Seit er im Wohnwagen lebt und eine Arbeit hat, fühlt er sich wieder als Teil der Gesellschaft

So, ich habe schon mal die Heizung angemacht und Wasser für einen Tee aufgestellt. Ich mache noch die Kerze an, dann wird es ein bisschen gemütlich. Diese Wohnwagen kühlen im Winter einfach unheimlich schnell aus. Aber dafür wird es auch schnell wieder warm. Ich war heute den ganzen Tag arbeiten. Bei der Nassauischen Heimstätte und der ABG Frankfurt-Holding, beides Wohnungsbaugesellschaften. Für die bin ich als Siedlungshelfer in Wohnblocks unterwegs. Ich helfe älteren Menschen bei verschiedenen Alltagsverrichtungen, damit sie in ihren Wohnungen bleiben können, nicht ins Heim müssen. Ich gehe für sie einkaufen oder putze auch mal die Wohnung, was gerade so anfällt. Mehr als über das Geld – was natürlich auch schön ist – freue ich mich, wenn die Leute sagen: Wie gut, dass es dich gibt! Ich fühle mich gebraucht und wichtig – bin wieder ein Teil der Gesellschaft – und damit steigt mein Selbstbewusstsein. Ich traue mir wieder was zu.

Demnächst werde ich meinen Chef nach einer Wohnung fragen. Immerhin arbeite ich bei einer Wohnungsbaugesellschaft, da sollte doch was möglich sein. Ansonsten suche ich nämlich schon seit zwei Jahren eine Wohnung. So lange lebe ich jetzt in diesem Wohnwagen. Das war damals eine super Möglichkeit, sofort ein Dach über dem Kopf zu bekommen, denn nach einem halben Jahr auf der Straße war es im Winter bedenklich kalt geworden. Aber es ist auch sehr eng und umständlich hier. Zum Duschen gehe ich in den leer stehenden Kindergarten nebenan. Ansonsten habe ich hier nur Wasser aus meinem Wassertank. Ich habe diese Wohnküche und ein kleines Schlafzimmer. Es ist eng, aber ich will nicht meckern.

Es ist schon beängstigend, dass es so schwierig ist, eine Wohnung zu finden. Die Konkurrenz in Frankfurt ist einfach groß. Und ehrlich gesagt, beschäftigt es mich schon, dass nun Flüchtlinge hierherkommen und ganz schnell in Wohnungen untergebracht werden. – Nicht, dass ich es ihnen nicht gönne, jeder braucht eine Wohnung. Aber für mich war das ein Grund, zum ersten Mal in meinem Leben bei einer Bundestagswahl nicht wählen zu gehen. Ich wollte nicht die AfD wählen, aber ich habe schon das Gefühl, dass Menschen wie ich von der Politik vergessen werden. Allein in Frankfurt sollen 2700 Menschen ohne Wohnung sein, habe ich gelesen.

Das Schlimmste an der Obdachlosigkeit ist, dass man aus der Gesellschaft raus

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