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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 3/2018
Was ist der Mensch wert?
Der Preis des Lebens und die Würde des Menschen
Der Inhalt:

Buch des Monats: Wie man politisch mündig wird

von Norbert Copray vom 09.02.2018
Grausame Realitäten, zartfühlende Worte: So werden Bürger verraten

Robert Pfaller
Erwachsenensprache
Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur. S. Fischer. 248 Seiten. 14,99 €

Als »das entscheidende politische Problem der Zukunft westlicher Gesellschaften« betrachtet Robert Pfaller dies: Kann »die Empörung und Verzweiflung der aufgrund der neoliberalen Politik um elementare Lebensstandards gebrachten und zunehmend verarmenden Bevölkerungsgruppen« einen anderen Ausdruck finden »als jenen, den rechtspopulistische Parteien ihr geben wollen«? Damit bringt der Linzer Professor für Kulturwissenschaften und -theorie auf den Punkt, was von einer künftigen deutschen Regierung anzupacken ist. Das wird »auch eine Frage der Sprache sein – sowie der Behandlung von Menschen als Erwachsene und mündige Bürger«.

In seinem Buch moniert er, dass so getan wird, als ob es »Erwachsenen nicht mehr zumutbar sei, sich als Erwachsene zu verhalten; dass die Belastbarkeit, die Erwachsenen eignet, nicht mehr von jedem Erwachsenen verlangt werden dürfe«. Der linksliberale Autor sieht, gut bewandert in Marxscher und psychoanalytischer Theorie, wie parallel zur »Brutalisierung der Verhältnisse« eine Sprachregulierungswut um sich greift, die das gemeinsame Sprechen und solidarische Handeln erschwert. So kommt der Neoliberalismus zu seinem größten Erfolg: die sozialen Schichten und Klassen immer weiter zu spalten, an die Stelle gravierender politischer Ziele zugunsten der Benachteiligten auf politisch korrektes Sprachverhalten zu setzen und selbst weitgehend unbehelligt die Reichtumsvermehrung an der Spitze zu betreiben. Dies ergibt in Kombination von »grausamen Realitäten« und »zartfühlenden Praktiken« eine Politik, die den Kampf gegen die Ausbeutung ersetzt durch den Kampf für korrektes Sprachverhalten, die die Vermeidung verletzlicher Worte wegen allseitiger Empfindlichkeit propagiert.

Nicht alles, was Pfaller sagt, kann man unterschreiben. Es gibt ein begründetes Sensibilitätsbewusstsein, es gibt erhöhten Bedarf an Rücksichtnahme, es gibt Worte, die schädigen und töten. Darüber geht er zu leicht hinweg. Doch er beobachtet genau, analysiert die doppelten Böden der Kultur. Leider gefällt er sich in einer ungenauen Kritik an der Postmoderne. Ein Beispiel: »Dem neoliberalen Angriff auf das Wohlleben, wo es denn überhaupt existierte, kam die Postmoderne als ideologische Souffleuse zu Hilfe. Denn die Postmoderne ist,

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