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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 3/2018
Was ist der Mensch wert?
Der Preis des Lebens und die Würde des Menschen
Der Inhalt:

Die dunkle Seite der Moral

Der Wiener Theologe Ulrich H. J. Körtner über Fake News, Hypermoral und den Mangel an Visionen

Publik-Forum: Herr Professor Körtner, Sie werfen den Kirchen vor, dass sie zu oft moralisieren. Dürfen sich die Menschen von den Kirchen etwa keine Aussagen zu Moral und Ethik erwarten?

Ulrich H. J. Körtner: Zunächst muss man zwischen Moral und Ethik unterscheiden. Ethik fragt nach den Gründen für moralisches Handeln. Moral ist letztlich die Unterscheidung von Gut und Böse. Wir Menschen leben nicht einfach unser Leben, sondern haben es bewusst zu verantworten. Dabei hilft die Moral. Moral hat aber auch eine riskante Seite, die nicht außer Acht gelassen werden darf. Denn die Unterscheidung zwischen Gut und Böse führt leicht dazu, dass Menschen geächtet werden, deren Handlungsweise anderen nicht gefällt. Am Ende heißt es dann nicht: Das war eine schlechte oder böse Tat, sondern: Das ist ein böser oder schlechter Mensch. Gefährlich wird es, wenn ein politischer Konflikt moralisch überhöht wird. Da wird der politische Gegner oft zur moralisch minderwertigen Person abgewertet. Dieses Spiel dürfen die Kirchen keinesfalls mitspielen.

Tun Sie das denn?

Körtner: Ich sehe schon die Gefahr einer moralischen Überhöhung politischer Fragen. Die großen Kirchen in Deutschland haben 2015/2016 zum Beispiel sehr massiv den Flüchtlingskurs der Bundesregierung unterstützt, bei dem es vorübergehend zu einem Kontrollverlust des Staates kam. Das wurde von den Kirchen mit dem Argument christlicher Nächstenliebe für gut geheißen. Aber man kann nicht aus einem theologischen Universalismus heraus für prinzipiell offene Grenzen plädieren. Selbst als es schon eine differenziertere Debatte gab, sind der Ratsvorsitzende der