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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 3/2016
Die Helfer
Flüchtlingskrise: Wie lange halten die Ehrenamtlichen noch durch?
Der Inhalt:

Kolumne Von Fabian Vogt: Liederliches

Ich soll eine Gastpredigt halten. Und natürlich ruft mich der mir unbekannte Organist, dem ich den Gottesdienstablauf geschickt habe, vorher an: »Was’n das für’n Lied nach der Predigt?«

»Wieso«, frage ich, »stimmt was nicht damit?«

Er grummelt: »Das steht nicht im Gesangbuch.«

»Au Backe!«, denke ich und sage freundlich: »Ich bringe ein Liedblatt mit. Und: Dieser Song ist vor allem bei jungen Leuten sehr beliebt.«

Er stöhnt hörbar auf: »Die kommen doch sowieso nicht, also können wir auch was Anständiges singen.«

Und dann geht sie los, wieder mal, die unendliche Diskussion über »Musik im Gottesdienst«. Lang und breit erklärt mir der Organist, dass im Grunde die Kirchenmusik schon seit Bach den Bach runtergehe. Und dass dieser alberne, moderne »Sakro-Pop-Kram« ja wohl musikalisch und sprachlich höchst fragwürdig sei.

»Da haben Sie recht«, sage ich – und bringe ihn für einen Moment aus dem Konzept. »Ja«, füge ich hinzu, »die Texte mancher neuer Lieder finde ich auch schwierig. Aber es gibt zum Glück andere, mit wunderschönen Sprachbildern, bei denen mir das Herz weit wird.«

Er brummt. Und ich spreche schnell weiter: »Mir als Pfarrer fällt eher auf, wie oft ich bei Liedern aus dem Gesangbuch bestimmte Strophen weglasse, weil ich sie für theologisch problematisch halte. Dann steht eben an der Liedtafel: Wir singen die Strophen 1, 4, 7 + 12.«

Er will widersprechen, doch jetzt komme ich in Fahrt. »Wenn ich heutzutage bei ›Geh, aus, mein Herz‹ lauthals singe ›Die Wiesen liegen hart dabei / und klingen ganz vom Lustgeschrei / der Schaf und ihrer Hirten‹, dann prusten nicht nur die Konfirmandinnen und Konfirmanden los!«

Kein Wunder, dass Jugendliche bei Gottesdiensten, die sie selbst gestalten, normalerweise keine Lieder aus dem Gesangbuch wählen, sondern immer moderne Sachen, mit Band … und am liebsten auf Englisch.

Na, jetzt geht es aber los! Englisch? Der Organist ist entrüstet. In einem deutschsprachigen Gottesdienst? Unverständliches Zeug auf Kosten der älteren Generationen, die das ja vehement ablehnen. Und soll denn das kostbare Liedgut der Kirchengeschichte, dieser Schatz an Melodien und poetischen Worten, ganz verloren gehen?

Ich versuche ihn zu beruhigen. »Nun

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