Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 3/2016
Die Helfer
Flüchtlingskrise: Wie lange halten die Ehrenamtlichen noch durch?
Der Inhalt:

Die neue Lust am Körper

von Gerhard Marcel Martin vom 12.02.2016
Leibfeindlichkeit kann man der Gegenwart nicht mehr vorwerfen. Im Gegenteil: Allenthalben wird der Körper trainiert und tätowiert, geschmückt und ausgestellt. Doch was bedeutet dieser Trend für Religion und spirituelle Praxis?

Kein irdisches Leben ohne Körper – lebendig oder tot: im Glanz und im Verfall, vor der Geburt schon mittels Ultraschall fotografiert und nach dem Tod plastiniert. Die Bilder sind allgegenwärtig. Körper bäumen sich auf und verschwinden, über- und unterernähren sich, pflegen sich bis ins Narzisstische hinein oder vernachlässigen sich reichlich. Sie zeigen sich in bisweilen schamloser Präsenz, oder sie werden entehrt und gequält zur Schau gestellt. Sogenannte bildgebende Verfahren sind der populärwissenschaftliche Hit der Gehirnforschung. Wenn die »Selfies« langweilig geworden sind, werden Smartphones vielleicht auch mit dieser Zusatzfunktion ausgestattet sein: meine blaue Amygdala und dein gelb vibrierendes Stammhirn …

Körperpräsenz – mit Emphase gezeigt, erlebt, riskiert und im Fall von Unfällen und Krankheit so perfekt und so zügig wie möglich restituiert. All das gehört zur gegenwärtigen Lebenskultur. Und es ist kaum sinnvoll, darüber zu streiten, wann das angefangen und in welchen Wellenbewegungen es sich fortgesetzt hat.

Lebensreformbewegungen wie die auf dem Monte Verità in Ascona gehören genauso dazu wie der Ausdruckstanz (Mary Wigman) und die akademischen Diskurse der 1960er- und 1970er-Jahre. Pionierhaft und exemplarisch seien genannt Klaus Theweleits »Männerphantasien« (1977) und Rudolf zur Lippes »Vom Leib zum Körper. Naturbeherrschung am Menschen in der Renaissance« (1988).

Heute findet sich kein Kaufhaus oder Einkaufszentrum mehr ohne die breit ausdifferenzierte Produktpalette der internationalen Parfümindustrie – seit geraumer Zeit genauso selbstverständlich für Männer wie für Frauen. Menschen sind auf der Suche nach einem individuellen Körpergeruch, einer duft-ästhetischen besonderen Note, und sei sie noch so globalisiert vermarktet. Statt des Geruchs nach Schweiß, nach Arbeit und Alltag, statt des »Geruchs vom Tod zum Tode« (2. Korinther 2, 16) wollen sie für sich selbst und ihr Gegenüber den fraglosen Beweis, in der wohlriechenden Fülle des Lebens unterwegs zu sein.

Auch der ungebrochene Boom der Tattoos ließe sich in den Blick nehmen. Reli gionsgeschichtlich betrachtet gehörte solcher Körperschmuck lange zur Tradition von Pubertäts- beziehungsweise Initiations riten. Heute sind die Embleme individualisiert und frei gewählt – und dank medizinischer Lasertechnik besteht immer auch die Möglichkeit, alles rückgängig zu machen.

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen