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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2019
Regt! Euch! Ab!
Analyse einer gereizten Gesellschaft
Der Inhalt:

»Wolken, Vögel und Menschentränen«

von Simone Friehling vom 25.01.2019
Warum Rosa Luxemburg mich begeistert: ein Brief der Künstlerin und Autorin Simone Frieling an ihre Tochter

Meine liebe Tochter, Du hast mich gefragt, warum ich mich mit Rosa Luxemburg beschäftige, warum ich monatelang Biografien, politische Schriften und Briefe von ihr lese. Es gäbe doch viel glänzendere Frauengestalten als sie, die man die »blutige Rosa« genannt hat.

Ja, tatsächlich war es dieser hässliche Name, der mich nicht zur Ruhe kommen ließ; er passte so gar nicht zu der nachdenklich blickenden Frau auf den Fotos und noch weniger zu dem einen Brief von ihr, den ich schon vor Jahren in eine Anthologie über das Glück aufgenommen hatte. Du musst Dir vorstellen, da schreibt eine Frau aus dem Gefängnis: »Wie ist es schön, wie bin ich glücklich, man spürt schon beinahe die Johannisstimmung – die volle, üppige Reife des Sommers und den Lebensrausch.« Rosa Luxemburg, die fast bis zu ihrem gewaltsamen Tod inhaftiert war, weil sie die Deutschen vor dem Krieg gewarnt hatte, tröstet hier Sophie Liebknecht, die in Freiheit lebt.

Natürlich liegt der Erste Weltkrieg für Deine Generation in weiter Ferne; euch hat sich viel mehr der Zweite Weltkrieg eingeprägt durch die ungeheuerlichen Verbrechen an den Juden. Von Rosa Luxemburg ist euch vielleicht nur noch der Schimpfname im Gedächtnis. Aber ihre Einschätzung als Pazifistin war richtig: »Der gegenwärtige Weltkrieg übertrifft jedoch alles Bisherige an Dimensionen, an Wucht, an tief greifender Wirkung.« Sie prophezeite: »Freilich werden emsige Hände die Trümmer wieder aufzurichten suchen. Aber materieller Ruin lässt sich eher wieder gutmachen als moralischer.« Dass der verlorene Erste Weltkrieg die Gesellschaft weiter spaltete und den Zweiten Weltkrieg hervorbrachte, hat Luxemburg nicht mehr erlebt; sie wurde vor genau hundert Jahren in Berlin ermordet.

Ich war mit dem Leben und Werk von Rosa Luxemburg nicht vertraut, doch die Biografie von Peter Nettl gab mir einen sehr guten Einblick. Was sie aber zu meiner Vertrauten gemacht hat, sind ihre Briefe – kaum einer, der mich nicht tief berührt hätte. Mir kommt es so vor, als hätte Luxemburg hinter dicken Gefängnismauern oftmals eine größere innere Freiheit besessen als ihre Freunde draußen. Ich bewundere ihren Mut, ihr unabhängiges Denken, ihre Begeisterungsfähigkeit und ihre Gabe, Härten hinzunehmen. Außerdem teile ich ihre Abscheu vor dem Krieg, den sie als größte Menschheitskatastrophe ansah, als den »Untergang aller Zivilisation«.

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