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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2019
Regt! Euch! Ab!
Analyse einer gereizten Gesellschaft
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Ich bin ständig allein«

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 25.01.2019
Bojan M. (32) aus Serbien ist Lkw-Fahrer. Wochenlang ist er auf den Straßen Westeuropas unterwegs, seine Familie sieht er kaum

Ich arbeite jetzt seit zehn Jahren als Lkw-Fahrer und fahre kreuz und quer durch Europa, vor allem durch Italien, Österreich, Deutschland und die Niederlande. An dieser Raststätte in Weiskirchen, nahe Frankfurt am Main, wo wir gerade miteinander sprechen, bin ich heute um halb vier in der Früh losgefahren – nur auf der gegenüberliegenden Straßenseite, Richtung Norden. Pünktlich um sieben Uhr musste ich in Köln sein, um dort meine Ware abzuliefern: Wein aus Italien.

Oft weiß ich morgens noch nicht, wo ich am Abend sein werde. So war das auch heute. Nachdem ich die Ware abgeliefert hatte, habe ich meiner Firma eine Nachricht geschickt: »Ich bin jetzt leer.« Daraufhin haben sie mir den Auftrag erteilt, nach Aachen zu fahren und dort den Wagen voll zu machen. In den nächsten Tagen werde ich die Ladung an vier Orten in Norditalien ausliefern. Und so bin ich jetzt wieder hier in Weiskirchen an der A3. Ich mache 45 Minuten Pause, dann geht es weiter, noch mal zwei, drei Stunden Richtung Süden. Die Strecke ist ein bisschen blöd, da sind häufig Baustellen und Staus. Bisher bin ich heute aber gut durchgekommen.

Manchmal weiß ich gar nicht, was ich transportiere. Es ist alles dabei, nur lebendige Tiere nicht. Jetzt habe ich elektronische Geräte und Papierkram geladen.

Besonders gerne fahre ich in den Alpen in Italien. In den Bergen gucke ich gerne mal nach rechts oder links, wenn es geht. Dass ich viele verschiedene Städte und Länder sehe, ist das Schöne an meinem Beruf. Aber das ständige Alleinsein, die Einsamkeit, ist schwer.

Ich komme aus Serbien, vom Land. Angestellt bin ich bei einer slowenischen Firma, deshalb darf ich auch in der EU fahren. Fernfahrer sein ist ein harter Job, aber ich verdiene gut dabei. Zwar weniger als meine deutschen Kollegen, aber ich bin zufrieden mit den rund zweitausend Euro jeden Monat. Spesen kommen noch dazu. Ich schicke das Geld nach Hause, meine ganze Familie lebt in Serbien. Ich vermisse sie sehr.

Wenn ich ehrlich bin: Ich mag meine Arbeit nicht. Meine Frau und meinen Sohn sehe ich nur alle paar Wochen. Der Junge ist sechs Jahre alt, und ich bekomme kaum mit, wie er aufwächst. Das ist die dunkle Seite meines Berufs. Seit er geboren ist, bin ich unterwegs, meistens vier oder sechs Wochen am Stück. Dann bin ich für sieben oder zehn Tage zu Hause. Zum Glück gibt es heute die moderne Technolo

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