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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2018
Publik-Forum Ausgabe 2/2018: 1968. Ein irres Jahr
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Geliebtes Karlchen

Einmal im Monat werde ich seltsam. Da rufe ich laut »Fuchs gefangen!«, heirate eine Dame und zische: »Mist, auch noch Karlchen!« Ich kündige an, die nächsten zehn Minuten »fleischlos« zu leben, und krähe: »Hey, natürlich ohne Neuner.« Einmal im Monat spiele ich Doppelkopf, und wenn der Termin nicht zustande kommt, werde ich grantig. Doppelkopf, das klingt unglaublich spießig, nach Altherrenrunde im Vereinsheim. Aber das täuscht. Ich bin in einem Zeitfenster geboren, in dem Doppelkopf irgendwie immer ging. Ich habe schon auf Kirchenfreizeiten an schwedischen Lagerfeuern gezockt und in Skihütten. In der Pause auf dem Schulhof, weshalb wir regelmäßig zu spät in die Reli-Stunde bei Herrn Wenzel kamen. In der WG, mit viel Rotwein, bis wir morgens um vier nur noch lallen konnten: »Ey, der Fuchs, isch hab euern Karl-, Äh-, As, äh Fuchs ...«

König, Dame, Bube, As, Zehn: Doppelkopf ist schnell zu lernen und doch komplex. Es geht um Stiche und Trümpfe und Seilschaften. Und es ist Weltflucht pur. Jedes Spiel, sei es mit Karten oder auf einem Brett, ist ein eigenes Universum, in dem die normalen Gesetzmäßigkeiten und Prioritäten nicht mehr gelten. So ist auch eine Doppelkopfrunde wie ein U-Boot. Man steigt ein und taucht ab in seltsame Untiefen der Kommunikation. »Die zweite Herz-Zehn sticht die Erste«. »Herz geht nie ein zweites Mal durch.« »Menno, da muss ich bedienen.« »Gewonnen, Re, keine Neun, Karlchen, Fuchs, Doppelkopf, macht sensationelle zwölf Punkte.« Eine Fremdsprache, die nur Eingeweihte verstehen. Wie toll!

Nichts ist mehr wichtig, wenn die Welt auf Tischgröße schrumpft, nicht der Liebeskummer, nicht die unaufgeräumte Küche, nicht die kleine Melancholie, die einen an Wintertagen befällt, nicht die große der Weltpolitik. Doppelkopf ist die Kuschelecke, in der ich seit fast einem Vierteljahrhundert immer wieder vorübergehend Schutz finde. Irgendwer will sie immer mit mir bewohnen, für wunderbare drei bis sieben Stunden im Monat oder auch mal nur zwei Abende im Jahr. Früher waren das Brigitte, Peter, Falk, Martin und Daniela, später dann mal Dirk, Ralf, Petra und Mechthild, heute kommen unsere tollen Nachbarn vorbei und dazu noch zwei Freundinnen, die ich anstecken konnte mit dem Fieber. Früher brachten die Spielfreunde Rotwein mit. Heute Apfelkuchen und Kinder, die dann auf der Couch Hüpf-Conteste bestreiten. Die Eltern sind ja abgelenkt. Eine Win-win-Situation nennt man das wohl.

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