Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2017
Bevor es zu spät ist
Wie junge Menschen vor gewaltbereiten Salafisten bewahrt werden können
Der Inhalt:

Vorgespräch: Wie spricht Kafka in Gebärden?

von Eva-Maria Lerch vom 27.01.2017
Fragen an Martin Siebold zu einer Aufführung von »Der Prozess« für Gehörlose im Essener Grillo-Theater

Publik-Forum: Das Schauspiel Essen inszeniert den »Prozess« von Franz Kafka – und bietet auch eine Vorstellung für Gehörlose an. Wie kann man sich das vorstellen?

Martin Siebold: Das Stück wird im Essener Grillo-Theater auf einer normalen Guckkastenbühne aufgeführt. Daneben, auf einer kleinen, eigens angestrahlten Seitenbühne, agiert Rafael-Evitan Grombelka. Er ist selbst gehörlos und so etwas wie ein Star in der Szene. Er arbeitet nicht nur als Gebärdensprecher, sondern auch als Model und Schauspieler.

Und was macht er auf der Seitenbühne?

Siebold: Er übersetzt die Worte des Kafka-Stücks in Gebärdensprache. Das ist mehr als nur ein leise fortlaufender Untertitel: So, wie Grombelka übersetzt, wird eine eigene Aktion daraus. Er agiert sehr körperbetont und ausdrucksstark, sein gesamter Oberkörper ist dabei im Einsatz – die ganze dreistündige Vorstellung lang.

Aber wie kann er das Schauspiel übersetzen, wenn er es selbst nicht hört?

Siebold: Er hat natürlich die Mitschnitte studiert und den Text im Kopf. Bei der Aufführung wird er aber auch live von einer hörenden Kollegin unterstützt, die das Stück verfolgt und ihm mit Gebärden signalisiert, an welcher Stelle es sich gerade befindet.

Wie sind Sie darauf gekommen, so etwas anzubieten?

Siebold: Hier in Essen gibt es das größte Gehörlosen-Internat in Deutschland, es hat fast tausend Schüler, und um diese Schule herum besteht eine große Community. Überall in der Stadt trifft man Menschen, die sich in Gebärdensprache unterhalten, und wir wollten ihnen die kulturelle Teilhabe ermöglichen. Seit einigen Jahren bieten wir solche Vorstellungen mit Übersetzung in die Gebärdensprache an – Klassiker, moderne Stücke, Komödien. Da sind dann immer so fünfzig bis achtzig gehörlose Zuschauer mit im Publikum.

Und warum nun ausgerechnet Kafka? Ist der nicht besonders düster und abstrakt – und entsprechend schwer zu übersetzen?

Siebold: Nein, die Gebärdensprache ist nach meinem Eindruck ebenso differenziert wie die gesprochene. Eine Übersetzung ist nur schwierig, wo viel und schnell gesprochen wird. In seiner Bühnenfassung des Kafka-Romans aber hat unser Regisseur Moritz

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen