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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2017
Bevor es zu spät ist
Wie junge Menschen vor gewaltbereiten Salafisten bewahrt werden können
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Richtig, richtiger, falsch

vom 27.01.2017

Es gibt kein richtiges Leben im falschen: Vielleicht ist das einer der klügsten Sätze, die je aufgeschrieben wurden. Theodor W. Adorno hat wahrscheinlich zu Lebzeiten eher selten Avocado gegessen, doch im Jahr 2017 ist es diese grüne Frucht, an der schmerzlich klar wird, wie schwer das mit dem richtigen Leben ist.

Wer alles richtig machen will, kauft jedenfalls Avocado. Im Rennen um die Goldmedaille der sogenannten Superfoods steht sie ganz weit vorn. Ihr hoher Nährstoffgehalt macht sie zu einer der gesündesten Obstsorten weltweit: Mehr als zwanzig Vitamine und Mineralstoffe stecken unter der ledrigen Schale.

Solche Dinge weiß meine Freundin Jule immer ganz genau. Neulich lud sie zum veganen Brunch, aus zermatschter Avocado – statt Sahne und Eischnee – hatte sie eine wunderbare Mousse au Chocolat und diverse Dips hergestellt. Sehr lecker. Warum nicht einfach die Avocado zum Grundnahrungsmittel erklären?

Doch es gibt ein Problem: Im größten Anbauland Mexiko führt der Avocado-Boom zur illegalen Abholzung von Wäldern. Und in Peru mussten lokale Behörden den Wassernotstand ausrufen, weil Avocado-Bäume extrem durstige Pflanzen sind. Sehr unschön.

Wie man’s macht, ist’s falsch: Das ist Adorno, nur ein bisschen volkstümlicher ausgedrückt. Man muss ja daraus nicht folgern, dass alles egal ist, und deshalb gleich extra viel falsch machen. Ja, wir hängen alle mit drin. Und ja, ich kaufe trotzdem Bio. Doch schon geht es los: Welche Tomaten sind besser? Die Biotomaten aus Südspanien – oder die aus der Umgebung von Frankfurt, die nicht bio sind? Es ist schwierig, etwas richtig zu machen.

Vor allem dann, wenn das eigene Leben auch noch gut aussehen soll. In der Friedens- und Umweltbewegung der 1970er- und 1980er-Jahre bezogen engagierte Menschen ihre Identität noch aus kollektiven Protesterlebnissen. Heute zielt die Sehnsucht nicht mehr auf eine bessere Welt, sondern auf bessere Produkte. Und die eigene Gesundheit. Aus gesellschaftlichen Bewegungen sind Stilgemeinschaften geworden.

Das krümelige Vollkornbrot aus dem Reformhaus war einmal ein Statement. Heute ist es ein Statussymbol (und gar nicht mehr so krümelig). Das ist verführerisch, und manchmal beneide ich deshalb Jule: Sie ist nicht nur vegane Meisterköchin, sondern verwendet ausschließlich Naturkosmetik, trägt Designershirts aus Bio-Baumw

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