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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2017
Bevor es zu spät ist
Wie junge Menschen vor gewaltbereiten Salafisten bewahrt werden können
Der Inhalt:

Leben ohne Hass

Etty Hillesum, eine jüdische Studentin aus Amsterdam, wird 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Jahrzehnte später wird ihr Tagebuch entschlüsselt – und offenbart eine ergreifende Mystik

Das Schlimmste von allem ist der undifferenzierte Hass. Er ist eine Krankheit der Seele. Sollte ich in dieser Zeit dahin gelangen, dass ich wirklich zu hassen anfange, dann wäre ich in meiner Seele verwundet und müsste danach streben, so rasch wie möglich Genesung zu finden.« Das schreibt eine junge jüdische Frau aus Amsterdam am 15. März 1941 in ihr Tagebuch. Zu diesem Zeitpunkt sind die Niederlande von deutschen Truppen besetzt und die Freiheitsrechte der jüdischen Bevölkerung aufs Äußerste beschnitten. In dieser dunklen Zeit, in der die Angst vor Verschleppung um sich greift, bringt die 27-jährige Studentin es fertig, über die Liebe als die einzige Brücke zwischen den Menschen nachzudenken und das Leben als wunderbares und zutiefst sinnvolles Geschenk zu verstehen: »Die Urkraft besteht darin, dass man, auch wenn man elend umkommt, bis zum letzten Augenblick das Leben als sinnvoll und schön empfindet in dem Gefühl, dass man alles verwirklicht hat und dass es gut war zu leben«, schreibt Etty Hillesum.

Sie hat Jura studiert, dann noch ein Studium der slawischen Sprachen angehängt. Weil sie als Jüdin keinen akademischen Beruf ausüben darf, treibt sie nun, angeregt von ihrem ebenfalls jüdischen Lehrer und Freund Julius Spier, psychologische Studien. Im August 1942 wird sie in das Sammellager Westerbork gebracht, dann mit ihrer ganzen Familie nach Auschwitz transportiert.

Ihr Tagebuch beschreibt den erstaunlichen Reifeprozess, den Etty Hillesum in diesen dunklen Jahren des Holocaust vollzogen hat. Sie hatte es in so kleiner Schrift geschrieben, dass man lange nicht glaubte, es entziffern zu können. Erst Jahrzehnte später wurde es in seiner Bedeutung erkannt, 1981 wurde es erstmals unter dem Titel »Het ver