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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2017
Bevor es zu spät ist
Wie junge Menschen vor gewaltbereiten Salafisten bewahrt werden können
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Nur weg von hier«

von Silviu Mihai vom 27.01.2017
Badu Birdea (44) hat im Steinkohlebergbau in Siebenbürgen in der Mine geschuftet. Nun ist Deutschland sein großer Traum

Wenn ich von der Arbeit komme, lege ich zunächst einen Zwischenstopp vor meinem Wohnblock ein, um mit den Nachbarn ein Bier zu trinken. Der Laden im Erdgeschoss, wo meine Frau als Verkäuferin arbeitet, hat gleich neben dem Aufgang eine kleine Terrasse eröffnet: ein Holztisch mit zwei Bänken unter einer Überdachung. Dort sitzen wir dann. Es ist das Haus meiner verstorbenen Eltern. An einer Wand im ehemaligen Kinderzimmer hängt bis heute in einem Rahmen ein Schwarz-Weiß-Bild von dem Schulausflug, auf dem ich zum Pionier gemacht wurde. Mann, war ich stolz darauf, ich hab vor Freude geheult!

Jetzt bin ich Elektriker im Bergbau in Siebenbürgen. Kurz vor der Wende habe ich meinen Hochschulabschluss gemacht und wurde gleich zum Wehrdienst eingezogen. Mein Vater riet mir immer wieder davon ab, selber Bergmann zu werden. »Geh bloß weg von hier, finde was Besseres, und schau nicht hinterher.« Doch im Schil-Tal in Siebenbürgen, lange Zeit Rumäniens wichtigste Bergbauregion, gab es kaum andere Arbeitgeber, und bei der Mine in Aninoasa verdiente man noch gut. Also hörte ich ihm nicht zu. Dort arbeitete ich mehr als 16 Jahre, bis 2006. Dann machte der einzige bedeutende Arbeitgeber in Aninoasa dicht. Von dort ließ ich mich zu der Mine in Paro?eni versetzen. Jetzt musste ich pendeln, rund acht Kilometer hin und acht zurück. Dem alten Dacia war diese Aufgabe nicht mehr zuzutrauen, und auch die Wohnung, in der alles noch wie in den 1980er-Jahren aussah, wollte renoviert werden. Dafür haben wir einen Kredit gebraucht, den wir nun kaum zurückzahlen können.

2012 wurde der staatliche Steinkohlekonzern umstrukturiert. Die Regierung beschloss, in den folgenden Jahren weitere drei der sieben verbliebenen aktiven Minen aus dem Betrieb zu ziehen. Kurz darauf wurde Aninoasa zur ersten insolventen Stadt in der Geschichte Rumäniens. Eine Alternative zum Bergbau war dort leider nie ernsthaft in Betracht gezogen worden. Meine Diagnose ist klar: Für das Schil-Tal gibt es keine Zukunft.

Bald werde ich 45, und weil ich von Anfang an unter Tage arbeitete, darf ich dann in Rente gehen. Es tut mir nicht leid, dass ich aufhöre. Im Gegenteil. Meine Situation ist besser als die vieler Kumpel, weil ich nicht arbeitslos werde – und damit gezwungen, Alteisen zu sammeln oder Heidelbeeren zu pflücken. Und doch: Ich weiß nicht, wer in zehn Jahren unsere Renten zahlen wird.

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