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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2017
Bevor es zu spät ist
Wie junge Menschen vor gewaltbereiten Salafisten bewahrt werden können
Der Inhalt:

Die Bibel: Ein Buch der Fremden

von Johann Hinrich Claussen vom 27.01.2017
Eine Theologie der Flucht gegen die Diktatur der Angst

Das neue Jahr beginnt mit alten Fragen. Eine der drängendsten betrifft den Umgang mit Flucht und Migration. Die weltweite Situation hat sich grundsätzlich nicht zum Guten verändert. Die wichtigsten Fluchtursachen – Krieg, Gewalt, Rechtlosigkeit, Armut – sind wirksam wie zuvor. Doch im Moment sind die Routen nach Deutschland (und Europa) fast versperrt. Viel weniger Menschen schaffen es hierherzukommen. Merkwürdigerweise führt das nicht zu einer Beruhigung der Gemüter und einer sachlichen Auseinandersetzung. Im Gegenteil, es wird mit einer Wut gestritten, die man eigentlich im Sommer 2015 vermutet hätte. Wird jetzt etwas nachgeholt, was man besser früher getan hätte? Und wie kann man jenseits von Wut, Ideologie und Angst in dieser wichtigen Gegenwarts- und Zukunftsfrage Orientierung finden?

Eine Hilfe kann die alte christliche Sitte der Selbstbesinnung sein – gerade zum Beginn eines neuen Jahres. Die Reformation, an die 2017 mit großem Aufwand erinnert wird, ist ein ferner Spiegel, der auch einen neuen Blick auf die Flüchtlingsfrage eröffnen könnte. Denn der Protestantismus ist – was vielen nicht mehr bewusst ist – eine Flüchtlingsbewegung. Dies gilt neben den kleinen radikalen Gruppen der »Täufer« besonders für die zweite große Kraft der Mainstream-Reformation, die Reformierten.

In der Reformationszeit machten (überwiegend protestantische) Christen in Europa zum ersten Mal eine Erfahrung, die bis dato nur die Juden durchlitten: Sie mussten fliehen. Wie die Juden konnten die Protestanten nur überleben, wenn sie zusammenhielten. Dabei halfen ein europaweites Netz aus Fluchtwegen und aufnehmenden Gemeinden sowie eine neuzeitliche Diakonie.

Bei vielen reformierten Protestanten ist das Bewusstsein, einer Flüchtlingsbewegung zu entstammen, lebendig geblieben. In ihrem großen Essay über die Vereinigten Staaten als Angstgesellschaft erinnert die US-amerikanische Schriftstellerin Marilynne Robinson daran: Ihre konfessionellen Vorfahren seien allesamt Flüchtlinge gewesen, und was diese besonders ausgezeichnet habe, sei ihre Furchtlosigkeit gewesen. Dagegen waren die Unterdrücker »getrieben von der Furcht vor uns. Wir waren Ketzer in ihrem Verständnis und deshalb eine Bedrohung der Kirche, der christlichen Kultur, für jede Seele, die unter unseren Einfluss kam … Wir besetzten mehr oder weniger den Platz in der europäischer Einwanderung, den der Islam heute besetzt.«

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