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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2013
Die Welt ist keine Kaffeetasse
Warum die Naturwissenschaften die Wirklichkeit nicht vollständig erklären können
Der Inhalt:

»Die Mafia ist feige«

von Christian Boldt vom 25.01.2013
Wie bedeutend ist das organisierte Verbrechen wirklich? Fragen an den ehemaligen Fernsehreporter Dagobert Lindlau

Herr Lindlau, vor 25 Jahren erschienen Ihre Recherchen zum organisierten Verbrechen in Deutschland unter dem Titel »Der Mob«. Ist die Bedrohung durch das organisierte Verbrechen heute dieselbe?

Dagobert Lindlau: Heute unterscheiden sich die Methoden des organisierten Verbrechens kaum mehr von jenen des legalen Geschäfts. Das FBI hat schon vor zehn Jahren erklärt, dass der Strafverfolgung die Kriterien der Unterscheidung zwischen organisiertem Verbrechen (OV) und legalem Geschäft ausgehen. Mafia, Camorra und andere Gruppen betreiben Marktforschung und machen Reklame. Dabei helfen ihnen Filme wie »Der Pate« und TV-Serien, die sie als finstere und unbesiegbare Macht schildern. Die Dons sind über solche Darstellungen hoch erfreut. Schau, wie toll wir sind! Das OV macht PR. Sie stiften Geld für Kindergärten, gehen in die Kirche und sorgen für ihre Familien. Solche Filme verrichten das Geschäft des organisierten Verbrechens, nämlich den potenziellen Opfern Angst zu machen vor dieser finsteren Macht. Dabei ist diese Macht nur unbesiegbar, solange wir Angst haben.

Sie prophezeien, dass die physische Gewalt nach und nach aus dem organisierten Verbrechen verschwindet, sodass sie fast unsichtbar wird.

Lindlau: Ja, die physische Gewalt schwindet. Das Blutbad, das die ’Ndrangheta 2007 in Duisburg angerichtet hat – das ist nicht die moderne Mafia. Viel einfacher als die Bedrohung mit einer abgesägten Schrotflinte ist doch die Verlockung von hohem Gewinn oder der Ausschluss von hohem Gewinn. Das macht besser Druck. Die Schutzgelderpressung hat das vorgeführt. Man zündet einem Wirt nicht mehr die Bude an, man verprügelt ihn nicht. Man geht zu fünft in sein Lokal und jeder setzt sich an einen Tisch, in der Mittagszeit. Und bestellt Mineralwasser. Nach drei Wochen ist das Lokal erledigt. Da braucht man keine abgesägte Schrotflinte.

Wird heute ein Gastronom, der mit solch »weichen« Methoden bedroht wird und zur Polizei geht, immer noch ausgelacht?

Lindlau: Inzwischen gibt es in einigen Städten wie Hamburg oder Berlin Sonderstaatsanwälte, die wissen: Wenn so etwas läuft, dann müssen wir nachschauen. Ohne Wanzen oder Telefonüberwachung kommt man da aber kaum weiter. Zeugen sind rar. In München sin

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